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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Lotsen in Basel



Adrian
12.01.2010, 01:18
Die Hälfte meiner aktiven Schifffahrts-Zeit habe ich als Lotse zwischen Basel und Rheinfelden gearbeitet. Wie ich schon bei meiner Vorstellung beschrieben habe, bin ich in dieser Zeit ca 11'000 mal mit verschiedenen Rheinschiffen durch die Stadt Basel gefahren. Ich schätze, dass ich auf ca
1'000 verschiedenen Schiffe an Bord war. Dadurch habe ich sehr viele Rheinschiffer kennen gelernt.
Und bei vielen Schiffskollegen bin ich immer noch in Erinnerung. Aber noch mehr in Erinnerung bei den Kollegen war mein Hund, den ich immer dabei hatte. Der Hund war ein kleiner Yorkeshire-Terrier ( 1,2 kilo Kampfgewicht) namens „Ameise“

Der Name „Ameise“ kam davon, dass ich für diesen rassenreinen Hund genau CHF 1'000.- bezahlt habe. (das waren damals 25 Lotsenreisen). Und die Tausender-Note damals war violett mit eine Zeichnung einer Ameise drauf. Wenn man damals in der Schweiz von grossen Geldbeträgen sprach, sagte man nicht, z.B. bei 4'000.- 4 Mille, sondern 4 Ameisen. Und der kleine, junge Hund war beim Kauf gleich lang wie die Ameise auf der Note.
Jedenfalls trug ich diesen Hund meistens in der Jacke oder in einer Fototasche bei mir. Die meisten Schiffer dachten immer, der Lotse nimmt seine Kamera mit. Das Erstaunen war aber gross, wenn dann so einer kleiner Hundekopf raus schaute.
Viele schüttelten auch den Kopf, na ja, in dieser Zeit (1982) hatten die meisten Yorkeshire-Terrier eine rosa Schlaufe in den Haaren, und weil er oft bei gewissen Damen anzutreffen war (nicht mein Hund) hatte er auch den Übernamen „V.t…-Lecker“. Jedenfalls dachten damals auch viele, dass ich vom anderen Ufer bin.
Bei den meisten Schiffern aber war der Hund bald bekannt, und heute sehe ich oft Personen nach 25 Jahren wieder, die mir sagen, „Hallo Du, dein Name habe ich vergessen, aber dein Hund hiess „Ameise“.
Und als später mein Bruder Manuel, der auch als Lotse sich einen gleichen Hund zulegte, und auch mit nahm, wurde es von den meisten akzeptiert.

Mit dem Hund habe ich sehr viele lustige Sachen erlebt. Hier ein Beispiel:

Ich fuhr einmal mit dem Koppelverband MS Bernina /SL Draco erst nach Birsfelden. In Birsfelden bin ich dann auf den Schubleichter Draco umgestiegen und musste ihn nach Rheinfelden bringen. Der Schubleichter hatte 1'700 tonnen Ladung an Bord und dem gegenüber einen Schottelantrieb mit 500 PS. Pegel Rheinfelden war so um die 300 (50cm unter der Marke 1) Ich war ein bisschen skeptisch, ob wir das packen werden.
Nun ja, die Fahrt von der Schleuse Birsfelden OW bis zur Schleuse Augst UW , welche wir normalerweise in 40 Minuten schafften, brauchten wir schon etwa 1 ½ Stunden.
Die Schleuse Augst war noch in der Alten Version. Und es kam, wie es kommen musste. Im unteren Vorhafen war die Strömung so stark, dass wir mit SL Draco stehen blieben.
Was machen wir jetzt. Ich konnte im Vorhafen nirgends anlegen, weil ich sonst sehr schwer wieder von der Böschung ins Fahrwasser kam. Ich stand die ganze Zeit am Ruder, und versuchte das Schiff einigermaßen in der Mitte des Vorhafens zu halten. Der hilfsbereite Schleusenmeister kam mit seiner legendären Wurfleine runter. So brachten wir ein Tau an Land. Wir haben dann in alter Schleppschiffer-Manier das Schiff über die Anker-Lier bis zum Schleusentor gezogen.
Meine „Ameise“ sass schon seit Basel 8ca 5 Stunden) artig und ruhig in meiner Windjacke. Sie benutze meinen „Ranzen“ als Balkon. Aber genau im Vorhafen, wo ich ehrlich gesagt, schon ein bisschen nervös war, genau jetzt wollte mein Hund raus aus der Jacke kommen, und mit mir spielen. Ich schnauzte sie an, dass der Moment sehr ungünstig sei, um zu spielen. Ok, der Hund hat das verstanden, sie zog den Kopf wieder rein und rumorte in meiner Jacke hin und her.
Nach der Schleusung und weitern 1 ½ Fahrstunden erreichten wir endlich die Löschstelle in Rheinfelden. Die Drago festgemacht, ging ich mit dem Fahrrad auf der Schulter und den Hund in der Jacke an Land.
Oben auf der Hafenmauer öffne ich erst mal die Jacke, um den Hund raus zuholen. Ich dachte mir, heute stinkt die Chemie in Rheinfelden wieder mal gewaltig.
Und als ich den Hund aus der Jacke hob, bemerkte ich, wie die „Ameise“ hinten rum sehr feucht war. Das war auch die Erklärung für den fürchterlichen Gestank. Mein armer Hund hatte Durchfall, und ich habe das nicht gemerkt, oder falsch interpretiert.

Was macht nun ein kampferfahrener Hundeflüsterer in dieser Situation?.

Ich stopfte den Hund wieder zurück in die Jacke und ging auf das Büro der Rhenus. Drinnen das übliche Hallo, man kennt sich ja. Ich fragte ganz scheu, ob ich rasch auf die Toilette dürfte.
Dort zog ich mich oben ganz aus, den Hund unter dem fliessenden warmen Wasser mit viel Seife gebadet. Das T-Shirt und die Jacke mit viel Wasser gründlich ausgespühlt. Die nassen Kleider wieder angezogen. Das Handtuch habe ich in meiner Not bei Rhenus geklaut (an dieser Stelle möchte ich mich formell bei Rhenus entschuldigen). Den Hund habe ich in das Trockene Handtuch gewickelt, in meine nasse Jacke gesteckt.
Die Sekretärin hat mir wie üblich einen Kaffee eingeschenkt um wie immer ein bisschen zu talken. Demonstrativ öffnet sie aber das Bürofenster. Ob sie etwas gemerkt hat?
Der heisse Kaffee war in zwei Schlücke leer, ich murmelte, ich müsse runter nach Basel, es warten viele Schiffe.
Jedenfalls bin ich mit dem Fahrrad in 1 ½ Stunden nach Basel geradelt. Es war Januar und es war kalt. In meinen nassen Kleidern habe ich nach einer halben Stunde jämmerlich gefroren.
Zu Hause angekommen stand ich zusammen mit dem Hund sicher eine halbe Stunde unter der heissen Dusche, einen heissen Zitonentee, und dann ab in Bett.

Das nenne ich Tierliebe.

Gruss

Adrian

LEUNAM
12.01.2010, 11:49
…..oder anders gesagt: „Auf den Hund gekommen……..“

Auch ich habe „jahrelang“ als Lotse in Basel gearbeitet.
Adrian und ich waren – als wir beide uns 1981 „selbständig“ machten - „die jüngsten Lotsen“ die damals fuhren…! (ich war und bin gute 2 Jahre jünger……. – dafür schöner…..(he, he..!)).

Damals war ein „Lotse“ eine Person, welche allein schon vom „optischen Profil“ etwas darstellen musste – ob derjenige „nautische Fähigkeiten“ hatte, sei mal dahingestellt….. . Das „Optische“ war bei uns „Jungen“ damals aber nicht der Fall – wie auch (?). Mit langen Haaren usw. als "Greenhoorn" war das schon „speziell“. Egal: wir haben uns – durch unsere Arbeit – sehr gut profiliert!

Am „Stammtisch“ hörte man oft „ach, das ist ja kein Problem usw. usw.“ – aber in der Praxis war es oft eben „anders“……

Ihr dürft auch nicht vergessen, dass die meisten Schiffe damals viel schlechtere „Fahrschiffe“ waren, als Heute! Damals waren es oft „Segler“ - das kennen die „Schiffer dieser Zeit“ noch alle.
Gerade letzthin hörte ich einen Schifferkollegen sagen, dass er nicht in Basel zu Tal fahren könne, weil sein Bugstrahler nicht funktioniere……..

Und nun komme ich auf den Punkt:
„Adrian“ hat ja eben eine Episode umschrieben mit seinem Hund.
Ich hatte damals auch einen Hund – auch einen „Yorki“ - ohne Haarschleife aber auch mit einem „komischen“ Namen (Frösch….). Unsere Hunde waren – wie von Adrian angetönt – „immer dabei“ – auch beim Lotsen…..! Als Tragetasche hatten wir damals eine Fototasche, welche wir beim Fahrrad um den Lenker und beim „an Bord gehen“ um den Hals legten.

>>>> Oft wurden wir damals gefragt, warum wir denn den Hund mit nehmen?
Die Antwort war folgende: „Weißt du, Schiffmann,es gibt ja auch „böse“ Kollegen….., aber der Hauptgrund ist folgender; ich bin den Hund am Anlernen!(?)!

Irgendwann kommt der Hund alleine (ohne mich) an Bord.
Dann ist der Hund der Chef sprich Lotse!

Wenn der Hund dann einmal mit seinem Kopf nickt, dann musst Du als Schiffer Steuerbordruder geben.
Wenn der Hund dann zweimal mit seinem Kopf nickt, dann musst Du als Schiffer Backbordruder geben.

Und jetzt ganz Wichtig oder „DAS ALLERWICHTIGSTE“:
Wenn der Hund dann dreimal mit seinem Kopf nickt,
dann musst Du als Schiffer dem Hund den Scheck (Bankcheck als Lotsengeld) ins Halsband stecken...........……….

Alles klar……?

Gute Fahrt und schiffischen Gruss wünscht Euch alleweil Leunam

Stadt_Aschaffenburg
12.01.2010, 12:01
Hallo ihr Beiden,

wiedermal danke für die vergnügliche Kurzweil, die ihr uns mit unseren Beiträgen schenkt!
Davon kann ich nie genug bekommen :super:

Aber Leunam:

dafür schöner…..(he, he..!))
Wo ist der Beweis? :lool:


LG
Micha

LEUNAM
12.01.2010, 12:22
Wo ist der Beweis? :lool:

BEWEIS???????
....schau mal unter:

www.ms-froschkoenig.ch (http://www.ms-froschkoenig.ch)

Wenn Dir diese Fotos (u.U. für Dein Nacht-Tischchen.....) nicht langen - habe noch mehr.......
(Du weisst ja, "Schönheit" ist relativ! Wenn Du es nicht glaubst, dann schau mal in den Spiegel...... - (auch he he....!)).

Werde Heute noch dazu eine kurze, lustige Episode, welche ich als Lotse zum Thema "Schönheit" erlebt haben, aufgebenen - bitte etwas Geduld.....)

Lieben Gruss

Leunam

LEUNAM
12.01.2010, 13:18
Hallo Miteinander

……und hier die versprochene Geschichte:

„Früher“ – so Anfang der Achziger-Jahre - trug ich einen „Vollbart“ (Rauschebart, ungestutzt – grausam….. – aber einfach praktisch, weil das Rasieren ausblieb!

>>>>>> Als ich eines Morgens ein Schiff von Basel nach Birsfelden lotste, fragte mich der Schiffer
(ich kannte ihn damals noch nicht), ob ich der Bruder „vom Harry“ sei?
(„Harry“ trug immer einen echten „Seemannsbart“ – er könnte vom Alter her mein Vater gewesen sein - er war, wie auch von „Adrian“ damals unser „Mentor und Lehrmeister“. Von „Harry“ habe ich die „Ruhe und Gelassenheit“ gelernt, welche man sich in diesem Job aneignen musste, um zu bestehen!)

>>>>>> NEIN, antwortete ich (leicht entsetzt….), ich sei kein Bruder von „Harry“…..!

DAS hat mich dermassen „geschockt“, dass ich, als ich wieder zu Hause war, die Schere packte und den Bart wegrasierte……. .

Am späteren Nachmittag kam das gleiche Schiff wieder zu Tal - ich war zufälligerweise wieder an Bord.

Da meinte der (gleiche) Schiffer – „heute morgen, da war ein „Kollege“ von Dir an Bord“……!!!!!!

……ohne eine Antwort auf diese Bemerkung zu geben, stapfte ich von Bord…….
Das war mein zweiter „Schock“ an diesem Tag!
Dass ein Bart einen Menschen optisch soo verändern kann, ist mir bis dato nicht aufgefallen.

Mittlerweile (seit ca. 1-2 Monaten) trage ich wieder „Bart“ – diesmal aber „kultivierter“……

Mit schiffischen (Bart)Gruss

Leunam