reanna
13.02.2010, 11:36
Ist Steuern langweilig?
Die Zeit ist wieder da, in der Touristen und Ausflügler in Scharen den Rheinhafen besuchen. Hafenbesucher aus dem Binnenland wollen nicht nur Schiffe betrachten, sondern versuchen oft auch, mit deren Besatzungen ins Gespräch zu kommen, um dies und jenes aus der Rheinschifffahrt zu erfahren. Fast ohne Ausnahme stellen sie uns dabei die Frage:"Was machen Sie denn so den ganzen Tag auf dem Schiff?" Das könnte uns Schiffleute auf die Idee bringen, unsererseits einmal durch Landbetriebe zu schlendern, ab und zu an einem Schreibtisch stehen zu bleiben und zu fragen:"Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?" Weil wir jedoch befürchten, mit solch direkter Frage da und dort arge Verlegenheit oder gar bares Entsetzen auszulösen, lassen wir das lieber bleiben. Wir erklären dem Hafenbesucher auf seine Frage, dass wir den grössten Teil unserer Zeit am Ruder stehen. Das ist zwar etwas gemogelt, denn der Schiffer steht heute nicht mehr am Steuer, sondern er sitzt daran. Früher ist er gestanden, nicht weil er weniger zur Bequemlichkeit geneigt hätte als heute, sondern weil er dazu gezwungen war.
Die Schiffe hatten damals einfache Ruderwerke, die viel Kraftaufwand erforderten, so dass man sie sitzend überhaupt nicht betätigen konnte. Es mochte dafür allerdings noch andere Gründe gegeben haben. Beispielsweise waren die alten Dampfschlepper ausnahmslos mit Rudermaschinen ausgerüstet, und doch wurden sie stehend gesteuert. Offenbar herrschte die treffliche Meinung vor, ein Schiff zu steuern sei eine ehrenvolle Aufgabe, und es bedürfe dazu einer würdigen Haltung. Hat man denn je einen grossen Redner gesehen, der sitzend eine Ansprache hält? Oder einen Hauptmann, der sich auf einen Stuhl setzt und kommandiert: "Kompanie! Achtung! Steht!"
An Stelle der alten Dampfschlepper verkehren heute modernste Schubboote auf dem Rhein. Deren Kapitäne und Steuerleute befinden sich buchstäblich in einem Glashaus, so dass es dem Neugierigen leichtfällt festzustellen, welche Haltung sie beim Steuern einzunehmen pflegen. Mehr liegend als sitzend, die Beine auf das Armaturenbrett ausgestreckt, räkeln sie sich in bequemen Polstersesseln, und in der Hand halten sie an Stelle eines kunstvoll aus Holz gefügten Steuerhaspels einen ordinären Hebel aus Metall, mit dem sie die Rudermaschine bedienen.
Kaum hat der Hafenbesucher gehört, dass wir hauptsächlich am Ruder stehen, schiesst er in der Regel die zweite Frage ab:"lst das nicht langweilig? "
Nein, ein Schiff zu steuern ist ganz gewiss nicht langweilig. Man kann zwar den Rhein auf verschiedene Weise befahren, aber es gibt nur einen einzigen optimalen Kurs. Diesen einzuhalten ist eine Kunst, erfordert Aufmerksamkeit des Steuermannes und bedarf jahrelanger Erfahrung. Anders verhält es sich mit der kanalisierten Strecke des Oberrheins. Da fahren wir im Rechtsverkehr wie auf einer Strasse. Das ist aber noch lange kein Grund, sich am Steuer zu langweilen. Es gibt Probleme genug, die man sich während des Fahrens durch den Kopf gehen lässt. Zum Beispiel die Energiekrise, oder wie man diese am besten überwinden könnte.
Auf dieser Reise besteht die Ladung meines Schiffes aus Benzin. Sämtliche Tanks sind gefüllt bis an die zulässige Marke, runde anderthalb Millionen Liter. Angesichts der ständig steigenden Benzinpreise kann es mir wohl niemand verübeln, wenn ich mit dem Gedanken spiele, mir eine solche Ladung zum persönlichen Gebrauch anzueignen, zumal derlei Geschäfte heutzutage in allen Branchen üblich sind. Vielleicht entdecke ich eines Tages in der Wildnis am Oberrhein einen in Vergessenheit geratenen unterirdischen, leeren Treibstofftank aus der Zeit des letzten Krieges.
Das Umpumpen der Ladung in einer nebligen Nacht wäre eine Kleinigkeit. Die grosse Nervenbelastung stünde mir erst am andern Morgen bevor, wenn ich mit einem leeren Schiff in Basel eintreffen und meiner Reederei Meldung erstatten würde, meine Ladung sei abhanden gekommen. Nervlich belastet wäre allerdings auch der Disponent unserer Tankflotte. Er müsste diese fatale Meldung an den betroffenen Kunden weiterleiten, vermutlich erst per Telefon:"Einen schönen guten Morgen! Das Schiff, das Ihr Benzin geladen hat, ist soeben eingetroffen. ...Nein, nein, deswegen rufe ich ja so früh an. Sie brauchen keinen Kesselwagen bereitzustellen. Das Benzin ist nämlich nicht mehr da. Entschuldigung vielmals." Und dann, nach längerer Zeit, in der ihm der aufgebrachte Kunde vermutlich einiges erzählt haben würde: "Der Kapitän? Der weiss von gar nichts. Er vermutet, das Zeug sei ihm unterwegs verdunstet."
Die Transportversicherung würde mir die Version vom Verdunsten schwerlich abnehmen und schleppte mich wahrscheinlich vor Gericht. Der Richter wiederum hätte es schwer, mir das Gegenteil zu beweisen, da jedermann weiss, wie schnell Benzin verdunstet. Aber mangelhafte Sorgfalt könnte er mir schon vorwerfen, zumal ich mich seinerzeit mit dem Unterschreiben der Ladepapiere vertraglich verpflichtet hatte, die Ladung nach glücklich zurückgelegter Reise unversehrt dem Eigentümer auszuhändigen. Vermutlich würde man mich wegen grober Verletzung meiner Pflichten zwei Jahre einsperren.
In dieser Zeit könnte ich natürlich meinen Energievorrat in keiner Weise nutzen, da ich kaum beurlaubt würde, um Autofahren zu können. Nach meiner Freilassung aber könnte ich dies in reichem Masse nachholen. Ich könnte meinen "Renault Vier" mit meinem Vorrat neunundfünfzigtausendsechshundertsiebenundzwanzig Mal volltanken und damit eine Strecke von einundzwanzigmillionenzweihundertfünfundneunzigtau senddreihundert Kilometern zurücklegen. Pausenlos könnte ich an einem Stück vierundzwanzig Jahre und vier Monate mit Tempo Hundert auf unseren Strassen herumfahren. Ich könnte fünfhundertzweiunddreissig Runden um die Erde drehen.
Falls es dorthin eine Strasse gäbe, könnte ich siebenundzwanzig Mal auf den Mond und zurück fahren und damit sämtliche Astronauten in Sachen Popularität aus dem Felde schlagen. Danach bliebe noch soviel Benzin übrig, dass ich noch einmal hinauffahren könnte, was ich, des Autofahrens überdrüssig und ohne Aussicht auf eine Rückkehr, vermutlich nicht tun würde. Solches Autofahren - vor allem die Fahrten auf den Mond würde natürlich Aufsehen erregen, und ich liefe Gefahr, nachträglich doch noch des Diebstahls überführt zu werden. Also wäre ich besser beraten, wenn ich wie bisher jährlich um die zehntausend Kilometer zurücklegen würde. Bis ich auf diese Weise mein Diebesgut verbraucht hätte, wäre ich ein Opa im schönsten Alter von zweitausendeinhundertachtundsiebzig Jahren.
So lange Autofahren wäre langweilig. Aber ein Schiff steuern, das ist nie langweilig.
Albert Moser
Zeichnung: Lis Moser-Boehner
Diesen Artikel hat mir Göpf per eMail zugesandt, damit ich ihn für ihn poste.
Gruß reanna
Die Zeit ist wieder da, in der Touristen und Ausflügler in Scharen den Rheinhafen besuchen. Hafenbesucher aus dem Binnenland wollen nicht nur Schiffe betrachten, sondern versuchen oft auch, mit deren Besatzungen ins Gespräch zu kommen, um dies und jenes aus der Rheinschifffahrt zu erfahren. Fast ohne Ausnahme stellen sie uns dabei die Frage:"Was machen Sie denn so den ganzen Tag auf dem Schiff?" Das könnte uns Schiffleute auf die Idee bringen, unsererseits einmal durch Landbetriebe zu schlendern, ab und zu an einem Schreibtisch stehen zu bleiben und zu fragen:"Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?" Weil wir jedoch befürchten, mit solch direkter Frage da und dort arge Verlegenheit oder gar bares Entsetzen auszulösen, lassen wir das lieber bleiben. Wir erklären dem Hafenbesucher auf seine Frage, dass wir den grössten Teil unserer Zeit am Ruder stehen. Das ist zwar etwas gemogelt, denn der Schiffer steht heute nicht mehr am Steuer, sondern er sitzt daran. Früher ist er gestanden, nicht weil er weniger zur Bequemlichkeit geneigt hätte als heute, sondern weil er dazu gezwungen war.
Die Schiffe hatten damals einfache Ruderwerke, die viel Kraftaufwand erforderten, so dass man sie sitzend überhaupt nicht betätigen konnte. Es mochte dafür allerdings noch andere Gründe gegeben haben. Beispielsweise waren die alten Dampfschlepper ausnahmslos mit Rudermaschinen ausgerüstet, und doch wurden sie stehend gesteuert. Offenbar herrschte die treffliche Meinung vor, ein Schiff zu steuern sei eine ehrenvolle Aufgabe, und es bedürfe dazu einer würdigen Haltung. Hat man denn je einen grossen Redner gesehen, der sitzend eine Ansprache hält? Oder einen Hauptmann, der sich auf einen Stuhl setzt und kommandiert: "Kompanie! Achtung! Steht!"
An Stelle der alten Dampfschlepper verkehren heute modernste Schubboote auf dem Rhein. Deren Kapitäne und Steuerleute befinden sich buchstäblich in einem Glashaus, so dass es dem Neugierigen leichtfällt festzustellen, welche Haltung sie beim Steuern einzunehmen pflegen. Mehr liegend als sitzend, die Beine auf das Armaturenbrett ausgestreckt, räkeln sie sich in bequemen Polstersesseln, und in der Hand halten sie an Stelle eines kunstvoll aus Holz gefügten Steuerhaspels einen ordinären Hebel aus Metall, mit dem sie die Rudermaschine bedienen.
Kaum hat der Hafenbesucher gehört, dass wir hauptsächlich am Ruder stehen, schiesst er in der Regel die zweite Frage ab:"lst das nicht langweilig? "
Nein, ein Schiff zu steuern ist ganz gewiss nicht langweilig. Man kann zwar den Rhein auf verschiedene Weise befahren, aber es gibt nur einen einzigen optimalen Kurs. Diesen einzuhalten ist eine Kunst, erfordert Aufmerksamkeit des Steuermannes und bedarf jahrelanger Erfahrung. Anders verhält es sich mit der kanalisierten Strecke des Oberrheins. Da fahren wir im Rechtsverkehr wie auf einer Strasse. Das ist aber noch lange kein Grund, sich am Steuer zu langweilen. Es gibt Probleme genug, die man sich während des Fahrens durch den Kopf gehen lässt. Zum Beispiel die Energiekrise, oder wie man diese am besten überwinden könnte.
Auf dieser Reise besteht die Ladung meines Schiffes aus Benzin. Sämtliche Tanks sind gefüllt bis an die zulässige Marke, runde anderthalb Millionen Liter. Angesichts der ständig steigenden Benzinpreise kann es mir wohl niemand verübeln, wenn ich mit dem Gedanken spiele, mir eine solche Ladung zum persönlichen Gebrauch anzueignen, zumal derlei Geschäfte heutzutage in allen Branchen üblich sind. Vielleicht entdecke ich eines Tages in der Wildnis am Oberrhein einen in Vergessenheit geratenen unterirdischen, leeren Treibstofftank aus der Zeit des letzten Krieges.
Das Umpumpen der Ladung in einer nebligen Nacht wäre eine Kleinigkeit. Die grosse Nervenbelastung stünde mir erst am andern Morgen bevor, wenn ich mit einem leeren Schiff in Basel eintreffen und meiner Reederei Meldung erstatten würde, meine Ladung sei abhanden gekommen. Nervlich belastet wäre allerdings auch der Disponent unserer Tankflotte. Er müsste diese fatale Meldung an den betroffenen Kunden weiterleiten, vermutlich erst per Telefon:"Einen schönen guten Morgen! Das Schiff, das Ihr Benzin geladen hat, ist soeben eingetroffen. ...Nein, nein, deswegen rufe ich ja so früh an. Sie brauchen keinen Kesselwagen bereitzustellen. Das Benzin ist nämlich nicht mehr da. Entschuldigung vielmals." Und dann, nach längerer Zeit, in der ihm der aufgebrachte Kunde vermutlich einiges erzählt haben würde: "Der Kapitän? Der weiss von gar nichts. Er vermutet, das Zeug sei ihm unterwegs verdunstet."
Die Transportversicherung würde mir die Version vom Verdunsten schwerlich abnehmen und schleppte mich wahrscheinlich vor Gericht. Der Richter wiederum hätte es schwer, mir das Gegenteil zu beweisen, da jedermann weiss, wie schnell Benzin verdunstet. Aber mangelhafte Sorgfalt könnte er mir schon vorwerfen, zumal ich mich seinerzeit mit dem Unterschreiben der Ladepapiere vertraglich verpflichtet hatte, die Ladung nach glücklich zurückgelegter Reise unversehrt dem Eigentümer auszuhändigen. Vermutlich würde man mich wegen grober Verletzung meiner Pflichten zwei Jahre einsperren.
In dieser Zeit könnte ich natürlich meinen Energievorrat in keiner Weise nutzen, da ich kaum beurlaubt würde, um Autofahren zu können. Nach meiner Freilassung aber könnte ich dies in reichem Masse nachholen. Ich könnte meinen "Renault Vier" mit meinem Vorrat neunundfünfzigtausendsechshundertsiebenundzwanzig Mal volltanken und damit eine Strecke von einundzwanzigmillionenzweihundertfünfundneunzigtau senddreihundert Kilometern zurücklegen. Pausenlos könnte ich an einem Stück vierundzwanzig Jahre und vier Monate mit Tempo Hundert auf unseren Strassen herumfahren. Ich könnte fünfhundertzweiunddreissig Runden um die Erde drehen.
Falls es dorthin eine Strasse gäbe, könnte ich siebenundzwanzig Mal auf den Mond und zurück fahren und damit sämtliche Astronauten in Sachen Popularität aus dem Felde schlagen. Danach bliebe noch soviel Benzin übrig, dass ich noch einmal hinauffahren könnte, was ich, des Autofahrens überdrüssig und ohne Aussicht auf eine Rückkehr, vermutlich nicht tun würde. Solches Autofahren - vor allem die Fahrten auf den Mond würde natürlich Aufsehen erregen, und ich liefe Gefahr, nachträglich doch noch des Diebstahls überführt zu werden. Also wäre ich besser beraten, wenn ich wie bisher jährlich um die zehntausend Kilometer zurücklegen würde. Bis ich auf diese Weise mein Diebesgut verbraucht hätte, wäre ich ein Opa im schönsten Alter von zweitausendeinhundertachtundsiebzig Jahren.
So lange Autofahren wäre langweilig. Aber ein Schiff steuern, das ist nie langweilig.
Albert Moser
Zeichnung: Lis Moser-Boehner
Diesen Artikel hat mir Göpf per eMail zugesandt, damit ich ihn für ihn poste.
Gruß reanna