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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Halbgötter mit Schippermütze



Jürgen F.
14.02.2010, 15:22
Im Grossen und Ganzen war ich eigentlich immer recht zufrieden mit den Kollegen und der "Führung". Nur gabs da auch hin und wieder ziemlche Diktatoren als Schiffsführer sowie elendige Schleimer als Matrosen und Steuerleuten. Als ich mal auf einem der viereckigen WTAG "Erz Kübel" (Typ Amsterdam ,Karlsruhe, F.G. Müller )als Urlaubsvertretung eingesetzt war, gabs da den Starsteuermann ( mit Patent ) Willi. Dieser kleine Schleimscheißer hätte niemals gewagt irgendeine Kritik an seinem Gott zu üben. Wir lagen damals in Wanne West und hatten 2 Tage Zeit bevor wir Kohle laden sollten. Unser Bezirkshauptschiffsführermeister = Willis Gott, sollte in 2 Tagen aus dem Urlaub kommen. Es war Sommer und unser kleiner Streber war der Meinung, daß unbedingt das Signal am Achterschiff noch gestrichen werden müsse bevor der Kärptn aus dem Urlaub käme. Also die Order: Jungs schmirgelt mir das mal ab! Kein Problem, wir waren 4 Leute an Bord die zur arbeitenden Klasse gehörten und so hatten wir eine sinnvolle Beschäftigung. Ich schätze mal das waren so 30m Verschanzung die wir astrein geschliffen haben. Das Schmirgeln und Schleifen wurde natürlich ständig durch Willi überwacht und kritisiert, der dafür sogar mal ab und zu aus der Küche kam. Naja wir habens hingekriegt und dann kam der nächste Gang: Jungs streicht mir das mal ordentlich weiss vor! Haben wir auch geschafft, natürlich nicht einfach so, sondern nach etlichen Tipps und Kritiken von unserem staatlich geprüften Kapitänsbettenmacher(schleim schleim). Weiter gings: Jungs klebt mir das mal ab! Boah ey, so langsam ging mir das an die Nieren. Zumal Willi ja gesagt hatte, Er wolle das Signal streichen! Scheißegal die Kollegen kannten das nicht anders und so wollte ich als Vertreter natürlich auch nicht meckern. Nächster Akt: Jungs streicht schon mal grün und weiss, ich mach dann den roten Streifen dran ( Grrrr...). Hihi, die Arbeit hab ich ihm dann abgenommen und so hatte unser Pötterührender, Bettenmachender Kapitänsablöser im Prinzip nichts dazu beigetragen das Signal am Achterschiff zu erneuern. Dachte ich...! Tag X kam und Schiffsführer Helmut kam aus dem Urlaub. Die Begrüßung seinerseits war. Echt sauber und ordentlich gearbeitet, Willi da hast Du dich ja richtig ins Zeug gelegt. Willi feixte genau so lange ( Hab ich das nicht gut gemacht?), bis ich rausplatzte: Wir mussten ganz einfach so ordentlich arbeiten, der Willi hat in den 2 Tagen so gutes Essen gekocht, das er gar keine Zeit zum streichen hatte und wir so mit ihm zufrieden waren, daß wir ihn nicht mit so einer Arbeit belasten wollten. Und Willi? Ja ja, die kannst Du nix alleine machen lassen, da musste ich ständig hinterher damit das was wird.
Das war der Moment wo mir der Kragen platzte. Die Spüle in der Küche war noch vom Vorspülen voll Abwaschwasser und Willi war nicht sehr gross. Also kurz angepackt und Willi saß mit dem Hintern in der Spüle. Das hat mir zwar nicht die allerbesten Kritiken eingebracht, aber der Dampf war erst mal raus. Auf diesem Schiff hab ich auch später noch des öfteren Vertretung gemacht, obwohl Willi das gerne verhindert hätte. Am schönsten wars dann immer, wenn ich für ihn an Bord kam. Da war das Betriebsklima immer echt tofte, zumal ich die Kochkunst ja auch einigermaßen beherrschte. Dies war nur einer von vielen Kollegen die die Kunst des Rumschleimens perfekt drauf hatten, aber es gab auch erheblich schlimmere. Und zu Willi hatte ich im Prinzip noch ein ganz gutes Verhältnis. Dazu fällt mir noch eine komplette Besatzug ein die nicht mehr mit mir redete weil ich den Chef kritisiert hatte... Aber das ist eine andere Story.

Mit besten Grüßen
Jürgen F.

LEUNAM
14.02.2010, 15:39
Hallo Miteinader
Hallo „Jürgen F.“

Es macht den Anschein, dass es gerade „Gestern“ gewesen wäre – schön geschrieben!

Moral der Geschichte:
„Man kommt sich immer wieder – irgendwie - entgegen“!

Bin mir sicher, solche „Geschichten“ gibt es noch zur genüge und schlummern nur in den Hinterköpfen um ins Forum zu kommen.......

Mit schiffischem Gruss aus der Schweiz von Leunam

Jürgen F.
14.02.2010, 15:53
Das tolle in diesem Forum ist, wenn einer erst mal anfängt von damals zu schreiben, kommt meistens bei einigen anderen die Erinnerung wieder hoch.

Gut das Norbert damit angefangen hat:super::super::super:

Da kommt bestimmt noch was nach.
Ich überleg schon und schau ab und zu in meine Dienstbücher:dream::dream::dream:

Schöne Grüße:wink::wink:
Jürgen F.

LEUNAM
14.02.2010, 16:50
Hallo Miteinader

Hallo „Jürgen F.“

Na, dann mache ich mal weiter… - und übrigens, ich wüsste noch einen,,,,,,

Als ich mich 1981 selbständig machte – und auch „zu Lotsen“ (in Basel) anfing, kam ich als „junger Lotse“ auch mal auf Schiffe von „alten, ehmaligen Vorgesetzten“ (Schiffsführer)!

In Basel gab/gibt es – mit Ausnahme der „Überlängen“ keine „Losenpflicht.
(Die Lotsen werden von der „Revierzentrale“ aus „gemanagt“ – das ist aber eine andere Geschichte, an der ich in einem anderen Beitrag berichten werde; bin schon am Schreiben!)

Jedenfalls: Da gab es damals regelmässig Situationen, dass ich als „Lotse“ den Auftrag von der „Revierzentrale“ erhielt, um einen „Koppelverband“ von Basel nach Birsfelden zu bringen resp. zu lotsen.

Wenn das ein „Koppelverband“ war, auf welchem u.U. ein „Kapitän“ das Sagen hatte, bei welchem „man“ als „Junger“ sowies “nichts kann..“, dann war das ja fast wie eine „behördlich vorgegebene Schmach“…. (für den "Kapitän") .
Dijenigen „Kollegen“ fuhren logischerweise immer alleine – „Lotse“ war für die ein „Unwort“ – eine „Entehrung“….. .

Dagegen, dass er mit seinem 80-Meter-Schiffchen ohne Lotse fährt, ist ja im Prinzip nichts ein zu wenden, solange er dies auch bei jedem Wasserstand, Tiefgang usw. tut….. . DAS war aber oft nicht immer der Fall…..

„Stellt Euch vor – Du bist u.U. bei diesem „Kollegen“ als Schiffsjunge oder Matrose gefahren – und der schaut Dich immer noch „so“ an, als wärst Du „sein“ Schiffsjunge..…! In seinen Augen bist Du ja nicht mal fähig, ein Reibholz „richtig“ zwischen Schiff und Schleusenmauer zu hängen…… .

Nun könnt ihr euch vorstellen, dass das für einige „solche Kapitäne“ also wie angetönt mehr als eine „Schmach“ war, wenn am bei ihm an Bord kam und er mir (auf behördliche Aufforderung) das Ruder überlassen musste!!! Da nützte es auch nichts, wenn man „Bord/Bord“ von einem 110-Meter-„Kübel“ von der Talfahrt direkt bei ihm an Bord kam….. .

Tja, die Zeiten ändern sich – oder eben, so wie ich vorher erwähnte:
Man kommt sich immer wieder – irgendwie - entgegen“........!

Mit schiffischem Gruss aus der Schweiz von Leunam

Jürgen II
14.02.2010, 17:37
Hallo ihr zwei,
macht ja weiter so, ich kann davon gar nicht genug zu lesen bekommen.
Schöne Grüße aus Urmitz
Jürgen

LEUNAM
14.02.2010, 19:06
Hallo Miteinander

Noch eine Geschichte zu diesem Thema, als ich als „Lotse“ fuhr!
(über diese Zeit könnte ich ein (dickes) Buchschreiben…..)

Ich wurde als Lotse auf ein Schiff zum „Dreiländereck“ in Basel beordert.
(damals stiegen wir meistens dort auf der Hafenmole an Bord)

Als ich an Bord war und ich es mir im Steuerhaus „angenehm“ machen wollte; d.h. auf den „Fahrstuhl“ setzten wollte, bemerkte ich, dass die „Frau Kapitänin“ (nicht der Käpi sondern (SORRY für den Ausdruck! in diesem Fall „nur“ die Kapitäns-Frau“….) auf dem Stuhl – welcher vom Fahrstand weggerückt war - sass.

Ich fragte „ganz höflich“. ob ich (bitte) den Stuhl benützen dürfte ?
Da fängt der „Kapitän-Mann“ (im gesetzteren Alter) ganz laut an zu „wettern“, .....was mir eigentlich einfallen würde, seiner (Kapitäns)Frau ihren Stuhl weg zu nehmen…..

Ich entgegnete nochmals ganz höflich, dass ich dachte, das wäre der „Fahrstuhl“ - und bestand auf den Stuhl, den ich dann auch (widerwilig und unter grösstem Protest) erhielt…!!!

Mittlerweile war ich schon auf der Höhe des „Klybeckquais“ angelangt.
Der „Kapitän-Mann“ wetterte ununterbrochen immer noch weiter.

Ich machte die Maschine langsam – stand auf - und steuerte Richtung des „Klybeckquai“.
Der „Kapitän-Mann“: „Was machen Sie da?
Ich: „ich steige aus!

Der „Kapitän-Mann“: Ja, nein, ich will nach Birsfelden……
Ich: „ok, wenn sie nun aufhören zu „wettern“, dann bleibe ich…..

Ich drehe das Ruder nach Steuerbord und gebe Gas – da fängt der „Kapitäns-Mann“ wieder mit Wettern an….

Das gleiche Spiel nochmals:
Ich machte die Maschine wieder langsam und steuere nach Backbord Richtung des „Tankliegeplatz“.
Der „Kapitän-Mann“: „Was machen Sie da? – ist ja in Ordnung!
Ich: „nein, ist nicht in Ordnung - ich steige aus – oder sie hören sofort damit auf.
DAS hat gesessen!

Danach war Ruhe aus dem Mund des „Kapitän-Mann“ – zum Glück hatte ich erst vorher eine Kaffee gehabt - da gab es nämlich (warum auch immer..) keinen.!!

Die „Ruhe“ dauerte, bis ich im Birsfelder Vorhafen drin war und die Maschine auf „Leerlauf“ hatte.

Da fing der „Kapitän-Mann“ wieder an – er wetterte noch die ganze Zeit bis wir hochgeschleust waren und konnte sich nicht beruhigen, dass ich („Jungspund) seiner Frau (entschuldigung seiner „Frau Kapitänin“ ihren „Fahrstuhl“ für die rund 45 Minuten „entwendet“ hatte…… .

Er meint dann nur, „Sie brauchen bei mir nicht mehr an Bord zu kommen…..!

OK – wir Lotsen waren damals „eine Gemeinschaft“ – der (arme) „Herrenkapitän“ hatte, als er auf der Talfahrt auf einen Lotsen warten musste (der kam und kam und kam einfach nicht……), genügend Zeit, um sich zu überlegen, wie man mit Menschen umgeht…..

Übrigens:
Damals trug ich einen Bart (wie Heute auch wieder) – Jahre später wurde ich wieder als Lotse bei ihm an Bord gerufen….; er erkannt mich nicht mehr (hatte den Bart mittlerweile ab) und er wetterte über den Lotsen von damals. Ich bekam sogar einen „Fahrstuhl“ und einen Kaffee……


…….und noch eines…..
(das habe ich vorher auch erwähnt) - Ironie:
Man kommt sich immer wieder – irgendwie - entgegen“........!


Mit schiffischem Gruss aus der Schweiz von Leunam

Power-Ship
14.02.2010, 19:12
Hallo LEUNAM !
Da kommt der Satz wieder zum Tragen:
Man begegnet sich immer zwei Mal im Leben!

Gruß

Arnold :wink:

LEUNAM
14.02.2010, 19:22
....genau!

"irgendwie".........
oder eben, so wie Du es erwähnst - mathematisch korrket - tatsächlich "zweimal"............

Gruss von Leunam

KlausW
05.01.2011, 21:03
Hallo Jürgen !!!
Kann es sein das Willi später auf dem Amsterdam war ? die Geschichte kommt mir bekannt vor weil ich fast das gleiche erlebt habe
nur war ich da nicht an Bord sondern ein Ablöser vom Oberrhein und Willi war der Meinung die Brücke müßte noch gestrichen sein
bis der an Bord kommt mit dem auch Du mal Probleme hattes wegen Einkaufen
Viele Grüße
KlausW.

Jürgen F.
05.01.2011, 21:59
Hihi Klaus,
Ich hätte nicht gedacht, daß den Willi heute noch jemand kennt:lool:In der Containerfahrt war der noch mit auf der Amsterdam:sunshiny::sunshiny:. Zu der Zeit war auch der Flaggenfetischist Hermann (Boje 3?) als Ablöser an Bord. Wenn ich noch an diverse Feierlichkeiten mit Rudi und Familie denke.... War schon ne interessante Zeit.

Gruß Jürgen