PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Bad Karlshafen



Gernot Menke
20.05.2010, 22:49
Die Neuzeit brachte im 16. Jahrhundert nicht nur die (Neu)entdeckung Amerikas und die Hochseeschiffahrt hervor, sondern auch die Herausbildung der modernen europäischen Staaten. Es ging jetzt verstärkt um Macht und um staatliche Effizienz. Die modernen Staatsheere wollten bezahlt werden.

Der wirtschaftliche Leitspruch der absoluten Herrscher in dieser Zeit war: wir brauchen eine aktive Handelsbilanz, d.h., wir müssen mehr exportieren, als einführen, um die Geldmenge und den Wohlstand des jeweiligen Staates zu mehren. Das war die Zeit des Merkantilismus, in der es oft auch eine Besiedlungspolitik zur Vermehrung der Bevölkerung gab, die Waren herstellen konnte, die sich dann exportieren und zu Geld machen ließen.

Die Ansiedlung von Hugenotten und die Gründung von Carlshafen um 1700 ist so ein Fall. Dem Landesherrn, dem Landgrafen von Hessen-Cassel Carl, war der rund sechshundert Jahre lang bestehende Weser-Stapel in Münden, das zu Hannover gehörte und ihm die freie Schiffahrt in seine Residenzstadt Cassel versperrte, ein Dorn im Auge. Ein geplanter Kanal von Karlshafen über die Diemel nach Kassel sollte den Stapel in Münden umgehen und den hessischen Handel fördern. Mehr noch: über die Fulda, Eder, Schwalm und Wohra war eine Verbindung zur Lahn geplant, d.h. ein Mittellandkanal zwischen dem Stromgebiet der Weser und dem des Rheins (siehe die Karte hier). (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Landgraf-Carl-Kanal.png&filetimestamp=20070320144415)

Der Eingang des Kanals (Bild 1) liegt oberhalb der Lände, an der heute das FGS Hessen liegt. Bild 2 zeigt die (für die Weserschiffe mit 50 x 6,30 m größer als der Kanal ausgelegte) Eingangsschleuse zum Weserhafen, die dem neugebauten Becken in Karlshafen einen gleichbleibenden Wasserstand garantierte. Am Oberhaupt bestand von 1778-1930 eine Drehbrücke, unsprünglich - beim Bau des Kanals ab 1710 - jedoch noch nicht, wie im vierten Bild zu sehen ist, das ein Modell der Hafenanlage in Karlshafen zeigt, das im Rathaus (ehemaliges Pack- und Rathaus am Hafen) ausgestellt ist. (Die Münzen stammen natürlich von Besuchern, für die ein Spalt im Abdeckglas eine unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben scheint)

Die Bilder 4 und 5 sind aus einem ähnlichen Blickwinkel aufgenommen. Man erkennt jeweils rechts im Hintergrund die bergseitige Ausfahrt aus dem Hafenbecken in Richtung Diemel. Die Klappbrücke, die im Modell dort zu sehen ist, wurde so nicht realisiert. Die Schleuse, die auf dem vierten Bild mit drauf ist, liegt auf dem fünften Bild rechts im Rücken. Dreht man sich bei Bild 5 weiter nach rechts, kommt zunächst das Pack- und heutige Rathaus in den Blick (Bild 6), sodann (Bild 7) die heutige Brücke an der Stelle, an der bis 1930 die Drehbrücke war. Rechts davon die Schleuse - Bild 2 ist von der Brücke aus aufgenommen.

Das letzte Foto zeigt die Weserstraße - im Hintergrund erkennt man an der Kuppe die Stelle, an der die Brücke den Schleusenkanal zwischen dem Hafenbecken (auf der rechten) und der Weser (auf der linken Seite) überquert. Das Bild ist wegen der Hochwassermarke interessant, der kleinen, schwarzen Tafel an der Wand rechts im Vordergrund, die die Höhe des Hochwasserstands am 17. Juli 1965 angibt.

:wink: Gernot

Gernot Menke
21.05.2010, 00:03
Im ersten Bild ist die geplante Klappbrücke an der bergseitigen Hafenausfahrt zu sehen - das folgende Foto zeigt, wie es an dieser Stelle in Wirklichkeit aussieht. Bild 3 ist dieselbe Hafenausfahrt, aber von der anderen Seite aus gesehen: man erkennt an den großen Packhäusern im Hintergrund das Hafenbecken. Das Becken im Vordergrund sollte dazu dienen, die Schiffe in den nach rechts verlaufenden Kanal zu drehen. Ob es so realisiert wurde, weiß ich nicht. Jedenfalls sieht dieselbe Stelle heute so aus wie in Bild 4 (man erkennt das große dreistöckige Haus und den Giebel des Hauses auf der anderen Kanalseite im Modell und in der Realität). Die Schleuse muß wohl bestanden haben, da auf dem kurzen fertig gewordenen Kanalstück bis Hümme für kurze Zeit Schiffahrt betrieben worden ist. Heute ist sie überbaut.

Die letzten vier Fotos sind nicht mehr in Karlshafen, sondern in Trendelburg aufgenommen. Man erkennt auf Bild 5 rechts die Einfahrt von der Diemel in den Kanal - mit Strömung, da der Mühlenkanal benutzt wurde. Die Schleuse in Trendelburg (24,6 x 3,45 m) steht heute torlos da. Daneben liegt ein nachgebauter Kahn, von dem ich nicht ganz sicher bin, inwieweit er den tatsächlich gefahrenen Nachen hier entspricht. Abenteuerlich die bergseitige Ausfahrt des Kanals in den Oberkanal der Mühle.

:wink: Gernot

Gernot Menke
21.05.2010, 21:10
Zum Abschluß sei der Vollständigkeit halber hier noch der entsprechende Link (http://de.wikipedia.org/wiki/Landgraf-Carl-Kanal) zum Landgraf-Carl-Kanal nachgereicht und ebenso vier Fotos, die nicht mehr in die Beiträge gepaßt hatten - es wäre schade drum. Die beiden ersten Bilder zeigen den Blick auf das Hafenbecken in Karlshafen vom bergseitigen Kanalausgang aus betrachtet, die beiden anderen Bilder zeigen den Kanal bei Trendelburg.

Ein Nachtrag zu Bild 2: die Schleuse in der Zufahrt zum Hafen von der Weser aus, deren Oberkanal man im Hintergrund sieht, ist heute nicht mehr benutzbar. Aus Gründen des Hochwasserschutzes wurde das Oberhaupt zugemauert und die Brücke ist nicht mehr beweglich.

Und noch etwas könnte man nachtragen. 1776 verschiffte der hessische Landgraf - das war natürlich inzwischen nicht mehr der Carl, dem am Hafenrand ein Denkmal errichtet ist - 12.000 Soldaten von hier nach Bremen und von da weiter nach Amerika. Die Truppen hatte er an den Kurfürsten in Hannover, der zugleich auch König von England war, vermietet - sie sollten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg für England gegen die Amerikaner zu Felde ziehen. Für den Landgrafen war das ein einträgliches Geschäft, für das die knappe Hälfte der von ihm vermieteten Soldaten mit dem Leben bezahlen mußte.

:wink: Gernot

PS: Alle Bilder - in allen drei Teilen - stammen übrigens aus dem Jahr 2010.

Gernot Menke
16.08.2013, 22:49
Der Landgraf Carl-Kanal, ein Kind des Merkantilismus und ein großer Gedanke, der den Mittellandkanal auf einer anderen Linie vorweggenommen hätte, aber nur in Ansätzen verwirklicht bergwärts von Karlshafen. Die Übersichtsskizze (Bild 2. Die in der Legende aufgeführte Wasserspeisung ist hier nicht zu sehen, sondern bezieht sich auf die Karte in Bild 9) zeigt, daß der Kanal eigentlich erst an der Fulda begonnen hätte. Das erste Stück von Karlshafen bis Kassel diente nur der Umgehung des Mündener Stapels.

Die Fulda war aus damaliger Sicht ein großer Fluß, auch die Schwalm kann man sich mit den Schiffen der damaligen Zeit noch vorstellen, aber alles, was zwischen der Schwalm und der Ohm liegt, erregt Stirnrunzeln. Die Wiera und die Wohra kann man locker durchwaten, die Bäche dazwischen eignen sich nur partiell für Badewannen-Enten. Das problematische Stück liegt zwischen Kirchhain und Mengsberg. - Wie also hätte die genaue Linienführung zwischen der Ohm und der Schwalm ausgesehen?

Es ist jetzt ein Wanderweg eröffnet worden, "Rund um den Wetzstein" heißt er, der unter anderem auch die Stelle berührt, an der der geplante Landgraf-Carl-Kanal die Wasserscheide überqueren sollte. Eine Informationstafel gibt dort über den Trassenverlauf Auskunft (Bild 1). Die folgenden Bilder sind von dieser Tafel abfotografiert.

Richtig vorstellen kann man sich den Kanal hier nicht: weit und breit kein Wasser. Auch wenn das hier nicht üblich ist, könnte man sich leichter einen jodelnden Wanderer vorstellen. Ein staugeregelter Kanal hätte es jedenfalls werden müssen, mit einem tiefen Einschnitt oder eher mit einem Tunnel, tief genug, um ihn mit Wasser aus den höher gelegenen Regionen weiter nördlich speisen zu können. Zwischen der Ohm und der Wiera hätte es wohl ein komplett künstlicher Kanal werden müssen, also Seitenkanäle auf beiden Zufahrten und dann das die Wasserscheide überqerende Kanalstück in der Mitte.

Die Bilder 3-6 geben den Text der Schautafel fortlaufend wieder, die Bilder 7 und 8 zeigen die Karte mit der Trassenführung in der Nahaufnahme (die Tafel ist nicht schärfer! Wohl eine Vergrößerung. Ich habe nichts verwackelt!) und Bild 9 die geplante Wasserversorgung des Kanals.

Noch eine Anmerkung zum Schluß. Im ersten Beitrag war die Rede vom Merkantilismus und davon, daß man damals überzeugt war, mehr exportieren als einführen zu müssen, damit ein Staat reich und stark würde. Genau hier liegt beim Kaffeeschmuggel der Hase im Pfeffer, der an dieser Grenze blühte. Der hessischen Regierung in Kassel war die wachsende Einfuhrmenge des Luxusgetränks Kaffee ein Dorn im Auge, weil durch den Kaffeeimport "viel Geld unnötigerweise aus dem Lande geschleppt wird". 1766 erließ sie daher eine "Verordnung gegen das allzu stark eingerissene Caffé-Trinken." Im Kurfürstentum Mainz auf der anderen Seite der Grenze war der Kaffee, den Mainzer Händler von holländischen Rheinschiffern bezogen, hingegen relativ billig zu haben. So florierte hier oben an der Grenze im tiefen Wald bis in die Napoleonzeit hinein der Kaffeeschmuggel.

So gibt es also hier oben auf der Rhein-Weser-Wasserscheide, fernab der Schiffahrt, zwei schiffische Bezüge: den geplanten Rhein-Weser-Kanal des Landgrafen Carl und den auf dem Rhein zu berg bis Mainz gekommenen Kaffee, der hier über die Grenze des Kurfürstentums Mainz in die Landgrafschaft Kassel geschmuggelt wurde.(Bild 10: Grenzstein mit dem Mainzer Rad - auf der anderen Seite ist der hessische Löwe zu sehen)

:wink: Gernot

PS: Mal sehen, bei Gelegenheit mache ich mal eine "Kanalwanderung" an der geplanten Trasse - mit Fotoapparat, versteht sich.

Gernot Menke
10.04.2014, 13:36
Zum ersten Beitrag muß ich noch etwas nachtragen, das mir früher nicht bekannt war.

Es ist interessant, daß es ein Aquarell von 1792 gibt, daß das Hafenbecken in Karlshafen fast komplett verlandet zeigt. Lediglich in der Mitte war ein Durchlauf vorhanden. Auch ein Stadtplan von 1818 zeigt diesen Zustand. Das Aquarell ist auch bei wikipedia (http://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fupload.wikimedia.org%2F wikipedia%2Fcommons%2Fb%2Fb2%2FHafen_Bad_Karlshafe n.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fde.wikipedia.org%2Fwiki%2FL andgraf-Carl-Kanal&h=744&w=1181&tbnid=hAf_mfiD2utY9M%3A&zoom=1&docid=7T3dPwPhJcMXIM&hl=de&ei=4ZFGU4rUL6b04QSOzIDYBQ&tbm=isch&iact=rc&dur=4&page=1&start=0&ndsp=15&ved=0CGMQrQMwAw) zu sehen.

Es gibt dafür zwei mögliche Erklärungen: entweder beließ man es beim Bau des Hafenbeckens zunächst bei einer kleinen Durchfahrtsmöglichkeit durch das Becken, solange der Diemelkanal noch nicht fertiggestellt war. Als das gesamte Projekt dann nach dem Tod des Landgrafen Carl 1730 im Sande verlief, blieb es bei diesem Zustand, den das Aquarell sechzig Jahre später dann wiedergab. Oder aber das Becken verlandete nach dem Einschlafen des Kanalprojekts bis auf den Durchfluß in der Mitte - das wäre die andere Variante.

Interessant ist auch, daß die Weserlände 1778 gebaut wurde. Man erinnere sich: zwei Jahre zuvor waren von hier aus die Soldaten für den Kampf im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg verschifft worden. Ob da ein Zusammenhang besteht? Man möchte es doch annehmen. Die Bedeutung des Hafens an der Weser mag damals wieder ins Bewußtsein gedrungen sein.

Wann die Ausbaggerung des Hafenbeckens erfolgte, ist nicht bekannt. Vermutlich im Zuge des Aufkommens der Schleppschiffahrt auf der Weser im 19. Jahrhundert. Es gab ja dann auch Dampfgüterboote (mit Heckradantrieb), die so gebaut waren, daß sie durch die Schleuse paßten und in das Becken in Carlshafen gelangen konnten. Übrigens ist auch die Schleuse in diesem Zusammenhang erweitert worden - sie war ursprünglich kleiner gewesen.

Erst in den 1931 wurde die Frachtumladung im Karlshafener Becken aufgegeben.

:wink: Gernot

Gernot Menke
29.11.2018, 19:51
Neues zum Thema Wiederanbindung des Hafens an die Weser. Gerade lese ich, daß der renovierte Hafen seit dem 8. November 2018 von der Diemel aus geflutet wird - anscheinend hat die noch ein bißchen Wasser. Die Schleuse soll bis zum Jahresende fertig sein, bisher geht alles programmgemäß voran. Das liegt sicherlich auch daran, daß die beträchtlichen Zuschüsse des Landes Hessen für die ärmste Stadt Hessens daran geknüpft sind. Offenbar bringt das Projekt wirklich etwas Bewegung - und sei es auch nur, daß die Hafenumgebung und damit auch das Zentrum der Stadt wieder attraktiver werden. Siehe hier (scrollen):

http://www.bad-karlshafen.de/index.php?id=10

:wink: Gernot

Gernot Menke
19.01.2019, 23:30
Endlich finde ich die Daten der neuen Bootsschleuse, die in das Hafenbecken hineingebaut wurde. Jetzt führt die feste Brücke, die die einstige Drehbrücke 1930 ersetzte, nicht mehr über das OW, sondern über das UW, wie es sich gehört.

Die Abmessungen der neuen Schleuse betragen "mindestens" 12 m Länge (das ist die offizielle Nutzlänge plus einiger cm Reserve) bei 6,32 m Breite, die durch die davorliegende alte Schleuse (die hatte 50 x 6,32 m) vorgegeben war. Die Schleusensohle liegt auf der gleichen Höhe wie die Wesersohle, die Hubhöhe beträgt (wasserstandsabhängig) normalerweise so um die 4 Meter. Im OW ist eine Tiefe von 1,30 m gegeben.

HIER (https://www.grbv.de/fileadmin/media/2017_12_Bad_Karlshafen_BT.pdf) findet man eine Skizze mit allen Details und weitere interessante Informationen. Zum Beispiel wußte ich nicht, daß die Untertore der alten Schleuse Rekonstruktionen von 1960 sind (die möglicherweise Holztore ersetzten).
Bei der Durchfahrtshöhe (natürlich wasserstandsabhängig) bin ich mir nicht ganz sicher, ob die in der Skizze abzulesende Höhe von 3,69 m (97,85 - 94,16 m in der Skizze im Link) über der Kanalsohle sich auf die Wände bezieht oder die Durchfahrtshöhe beschränkt. Im letzteren Fall verblieben bei einem Meter Wasser im UW zwischen der Wasseroberfläche und der Brücke 2,69 m Durchfahrtshöhe. (mein alter WESKA von 1984 vermeldet, daß die Fahrrinnentiefe in Karlshafen damals 5 cm weniger als der Pegel in Karlshafen betrug. Heute liegt das MW in Karlshafen bei 1,74 cm; dann wären es demnach 2 m Durchfahrtshöhe)

:wink: Gernot