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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Geschichte des "Canal de la Bourgogne"



reanna
17.09.2010, 22:55
Hallo zusammen !

Diese Geschichte habe ich von Hans-Peter Duhr (User:Moselschiff), Eigner des GMS "Silence (http://www.binnenschifferforum.de/showthread.php?18023-Silence-GMS-04803110&highlight=silence)", per eMail zugeschickt bekommen.
Diese möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten.

Gruß
reanna

Hallo Rebecca,

ein kleiner Gruß aus Dijon. Gerne kannst Du die Bilder und
Informationen verwenden für das Forum.

Dazu will ich hier kurz die Geschichte des "Canal de la Bourgogne" erläutern.
Der Kanal wurde in der Zeit bis 1800 geplant und beschloßen. Im Gesamten verbindet er den Seine-Nebenfluß Yonne mit dem Rhone-Nebenfluß Saone, die an den Kanalabgangsstellen schon respektable Fluße sind, jedenfall aus der Sicht von 1800. Auf der Saone war sicher die meiste Zeit des Jahres ein Tiefgang von 80 cm zu fahren und auf der Yonne sicher 60 cm, mit den Schiffsgrößen von damals eben respektabel.Der Kanal wurde auf der Teilstrecke von der Saone bis Dijon begonnen und wurde da 1808 eröffnet, damals mit der Schleusengröße von 30 Meter mal 5,25 und schon mit 180 cm Tiefgang befahrbar. Gute 200 Tonnen konnten die Holzschiffe damals schon laden. Es ist aber anzunehmen, das zumindest in den ersten Jahren kleinere Schiffe, so wie sie auf den unkanalisierten Flüßen Saone, Rhone, Yonne und Seine üblich waren, den Kanal befahren hatten.

Der Schiffstyp Freycinet sollte sich erst später entwickeln, als durchgängig ein Wasserstraßennetz zur Verfügung stand. Wobei Freycinet ein damaliger Verkehrsminister war, der die Aufrüstung der Wasserstraßen und auch Schiffe auf das noch heute gültige Penichenmaß voran trieb, auf die heute übliche Maß zwischen 38 und gut 39 Meter Meter. Ein Großteil der Schleusen wurden in Frankreich um die Jahrhundertwende 1800/1900 verlängert, man sieht es den Schleusen meist nicht mehr an, weil das bei den in Bruchsteinen gebauten Schleusen einfach das Unterhaupt abgebaut wurde um die neun Meter weiter wieder aufgebaut wurde und das verlängerte Teil aus den selben Materialien gefertigt wurden. Lediglich auf dem Rhein-Rhone-Kanal sieht man es teilweise noch, weil dort die alte Torkammer vom Untertor geblieben ist und die Schleusenwand mitsamt einer neuen Torkammer neun Meter weiter angebaut wurde. Der Kanalverkehr bis Dijon wurde also 1808 eröffnet.

Für uns war es in 2007 ein erhabene Fahrt auf dem Kanal von der Saone bis Dijon zu fahren mit der gleichen Schleusentechnik wie damals, die Tore mögen wohl mal erneuert worden sein, von Holztoren zu Stahltoren, die Technik der Antriebe, natürlich von Hand und die der Schütze sind aus 1808. Eine Besonderheit ist sicher, daß die Schleusen zum leeren und füllen außer den Schützen in den Toren schon Umläufe hatten, wenn auch einseitig. Nach 1808 wurde der Kanal weiter gebaut und im Jahr 1833 wurde der Tunnel in der Scheitelhaltung bei Pouilly en Auxerrois eröffnet. Da die verfügbare Manpower sowie auch die Finanzkraft nicht ausreichte um bei dem Tunnel auch einen Leinpfad einzubauen, mußten die Schiffe von Hand durch den Tunnel gezogen werden. Es war weder rechts noch links ein Weg im Tunnel. Auch fehlte in der Zeit das Know How, dem Windzug entgegen zu wirken, der je nach Wetterlage das durchziehen der Schiffe erschwerte. Im Canal der la Haute Saone wurde später ein verschließbares Tor an einem Tunnelende angebaut, das erst unmittelbar vor dem Schiff geöffnet werden sollte. Dieser Kanal kam aber leider nie in Betrieb außer dem Teilstück bis nach Belfort.

Wieder ins Burgund. Man suchte nach Lösungen um den enorm angestiegenen Schiffsverkehr durch den Tunnel zu bringen. Endlich, als die Dampfmaschine aufkam, sah man die Lösung. Es wurde ein Kettenboot gebaut mit Dampfantrieb, der bis zu 10 oder noch mehr Schiff durchziehen konnte. Leider war diese Lösung aber sehr personalintensiv, das Schiffspersonal ging langsam aus. Durch die Gase der Verbrennung bei der Dampfmaschine kam der Schleppzug schon mal aus dem Tunnel mit erstickten Schiffsleuten. Es wäre sicher auch möglich gewesen, ohne Besatzung die Schiffe durch den Tunnel zu ziehen. Aber welcher Shiffmann läßt sein Schiff unbeaufsichtigt? Die Lösung kam um 1870, die industrielle Erzeugung von Strom begann, flugs wurde eine doppelte Oberleitung in den an sich schon niedrigen Tunnel gebaut, die Dampfmaschine wurde durch einen Elektromotor ersetzt und auf beiden Seiten an der Schleuse 1 Versant de la Saone und auch Versant de la Yonne wurde ein Miniwasserkraftwerk gebaut, das nun zwar etwas Wasser verbrauchte, dafür aber weniger Schiffsleute. Das Wasser für die Scheitelhaltung wurde in vier künstlich angelegten Seen gesammelt und über Verbindungskanäle der Scheitelhaltung zugeführt. Diese Scheitelhaltung ist auch die Wasserscheide zwischen dem Rhonebecken und dem Seinebecken, also zwischen Atlantik und Mittelmeer.

Von Pouilly en Auxerrois bis zur Yonne sind es 110 Schleusen, genau nur 109, weil aus der Treppenschleuse 109 und 110 eine hohe Schleuse gemacht wurde, aber sicher auch schon vor 100 Jahren. Logischerweise als die Schleusen in dem Kanal auf das Freycinet-Maß verlängert wurden. Bei einer Treppenschleuse nämlich ist die untere Stufe einfach zu verlängern, die obere aber weitaus schwieriger, weil größere Erdmassen bewegt werden müßen. In den Jahren 1968 habe ich den Kanal mit der beladenen Peniche meines Vaters zwei Mal durchfahren, insgesamt auf 224 Kilometer 189 Schleusen.Das bedeutete jedesmal volle sieben Tage je 13 Stunden. An der 10. Schleuse von der Yonne ab hatte ein Witzbold an die Brücke am Unterhaupt mit Kreide geschrieben (übersetzt) Bravo, sie haben schon 10 Schleusen gemacht, es bleiben Ihnen noch 179. Was war das demotivierend. Alle Schleusen Handbetrieb, natürlich hatten wir mitgeholfen, sonst hätten wir im Valley bei Montbart nicht 45 Schleusen an einem Tag geschafft. Im Tunnel mußten wir beladen das Steuerhaus abbauen und den Kopf einziehen, damit wir an der 600 Volt Leitung keine gewischt bekommen haben. Mit dem Sicherheitsdenken von heute - undenkbar.

Wir hatten damals Weizen von Paris für nach Stuttgart geladen das eine Mal und Getreide für nach Straßburg das andere Mal. Im Jahr 2007 also sind wir mit der Born to be free wieder in den Kanal gefahren bis Dijon, das Wasser glasklar, weil keine großen Schiffe mehr fahren, die den Schlamm aufwirbeln. Ich sagte zu einem Schleusenmeister, das ist doch Trinkwasserqualität. Non, non Monsieur sagte er, il manque le pernod. Nein, nein mein Herr, es fehlt der Pernod (drin). Nun gut, wir lagen eine kleine Woche in Dijon, dann ging es wieder zurück nach St. Jean de Losne, die Stadt am Wasserstraßenkreuz Saone und Canal Rhin Rhone und Canal de la Bourgogne.

Wie schon erwähnt war es erhaben, mit modernem Equipment auf einer authentischen Wasserstraße aus 1800 zu fahren. Vor uns schwammen die Fische her und drehten erst kurz vor der Schleuse ab mit Schmackes zurück, weil ihnen das ungewohnt und nicht geheuer war. Durch den gesamten Kanal ist in den achtziger Jahren das letzte Frachtschiff gefahren, von der Saone bis Dijon vielleicht vor 15 Jahren. Bis kurz vor Dijon kommen aber jedes Jahr noch so eine Armada von 10 bis 15 Penichen. In Dijon ist die Senfindustrie von Frankreich, sicher kennt jeder Feinschmecker die Senfcreationen von dort. Senf wird heute überwiegend in Kanada angebaut und im Frühsommer gehen dann immer so 10 bis 15 Penichen von Rotterdam mit Senfkörner ins Burgund. Das wird aus Tradition so gemacht. Aber auch Getreide geht eben von diesem Hafen unmittelbar vor Dijon schon mal mit Penichen weg, auch vielleicht 10 bis 20 im Jahr. Für heute erst mal die besten Grüße

Hans-Peter

Anbei noch ein paar Bilder von Hans-Peter

Gernot Menke
18.09.2010, 14:53
Durch den gesamten Kanal ist in den achtziger Jahren das letzte Frachtschiff gefahren, von der Saone bis Dijon vielleicht vor 15 Jahren

Das sind tolle Informationen, die nur in einem kleinen Detail zu aktualisieren sind:

Die Penische WESTROPA ist in diesem Sommer (mit in Mertert an der Mosel geladenen Spundwänden) bis nach Saint Victor sur Ouche gefahren - das ist eine ganze Ecke bergwärts von Dijon. Zum Wenden mußte sie dann noch sechs Schleusen weiter bis zu einer Wendestelle bei Pont sur Ouche - dort war sie dann nur noch zwölf Kilometer von der Scheitelhaltung entfernt. Weitere Reisen sollen folgen - nahm man diesmal nur 185 Tonnen mit, will man beim nächsten Mal 200 Tonnen riskieren.

Man hätte anschließend gerne am anderen Ende des Kanals auf der Yonne-Seite geladen - aber wie durch den 3,33 km langen Tunnel von Pouilly-en-Auxois kommen? Das Ding mißt in der Mitte nur 3,10 m Höhe und am Rand sind es nur 2,20 - da kommt man leer auch mit Ballast und abgebautem Steuerhaus nicht mehr durch. Früher gab es hier eine "Bac", eine Art mobiles Schwimmdock, in das die leeren Penischen hineingenommen und abgesenkt wurden, bis sie im Anhang des Kettenschleppers durch das enge Loch paßten. Leider ist die Bac seit Jahren nicht mehr in Betrieb und gammelt in Escommes an der Ostseite des Tunnels (in einem Dock am Beginn der Anfahrtsstrecke) vor sich hin. Vermutlich war die Stillegung der Bac eine Folge der Stillegung des Kettenschleppers (ob der wiederum am Alter oder an den Kosten eingegangen ist, entzieht sich meiner Kenntnis), da die Bac ja keinen eigenen Antrieb besitzt.

Hinzu kam, daß die Schleusenmauer der Schleuse 10 auf der Yonne-Seite abgesackt ist und die Schleuse dort momentan nur 4,75 m Breite hat! Im Dezember soll das repariert werden. (Im Canal du Midi hat sich mal eine Penische beim Schleusen in einer verengten Schleuse so verkeilt, daß sie nicht mehr flott zu bekommen war und an Ort und Stelle abgewrackt werden mußte!!)

Die WESTROPA-Leute kritisierten denn auch, daß man Geld in eine Videoüberwachung und andere "Scherze" im Tunnel gesteckt habe, die Bac aber nicht wieder in Betrieb nehme, obwohl auch die meisten Hotelschiffe nicht durch diesen Tunnel paßten. Da brauche man sich nicht zu wundern, daß es keinen durchgehenden Penischenverkehr mehr auf dem Kanal gebe!!
Den Link zur Fahrt des WESTROPA gibt es hier (http://www.schuttevaer.nl/nieuws/actueel/nid14192-westropa-op-ontdekkingsreis.html).

:wink: Gernot

reanna
18.09.2010, 23:45
Servus !

Das kam gerade per eMail von Hans-Peter bei mir an:

Der zweite Beitrag zum Canal von Burgund ist auch schön, ich kannte diese Geschichte, Sogar im ersten Programm im TV in France war das ein Bericht wert, nach so vielen Jahren wieder ein Schiff so weit im Kanal.
Unrichtig ist allerdings, daß es durchgehenden Verkehr gäbe, wenn der Bac zum „tieferlegen“ eines Schiffes noch durchgeschleppt werden könnte.
Beladene Schiffe ab 120 Tiefgang könnten da durchfahren, wenn Sie das Steuerhaus abbauen, was die meisten Penichen noch können.
Vielmehr ist es die halb eingestürzte Schleuse und die Versandungen nach den vielen Jahren ohne Berufs-Schifffahrt
Von der Saone bis zum Tunnel fahren ja noch Penichen die zu Kabinenschiffen umgebaut sind. Diese fahren so mit 150 cm Tiefgang und kämpfen sich oft über den Grund, teilweise mit Zuschusswasser der nächsten Schleuse.
Zum andern würde man heute 8 oder neun Tage brauchen für eine Strecke, die der LKW in 2 bis 3 Stunden macht, die Autobahn geht fast den gleichen Weg wie der Kanal.
Nein, von beiden Seiten fährt man noch so einen Tag weit rein, das geht noch mit 180 cm Tiefgang, dann ist Schluss mit lustig.
Beste Grüße

Von dem Bac in der Scheitelhaltung habe ich übrigens auch Bilder. Will mal sehen, ob ich sie finde.


Gruß
reanna

Gernot Menke
19.09.2010, 21:25
Wenn Hans-Peter die Bilder der Bac finden würde, wäre schön - das Ding ist schon eine technische Rarität. Bei bordabord gibt es hier (http://bordabord.org/news/devinette-11) auch ein paar Bilder von der Bac (dort in den Beiträgen vom 13.3.2009 um 13:33 und vom 19.7.2009 um 09:57). Leider sieht man auf dem Foto im ersten Beitrag nicht allzuviel, weil die Bac tief im Wasser liegt.

In demselben Link sind auch interessante alte Fotos eines anderen Schwimmdocks zu sehen, daß zur Reparatur des Kanals benutzt wurde: es wurde auf den Kanalboden abgesenkt und an beiden Seiten geöffnet, so daß die Schiffahrt hindurchfahren konnte. Von den Enden des Docks wurde nun zum Ufer hin abgedichtet und dazwischen leergepumpt, so daß neben dem Dock Deiche repariert werden konnten, ohne eine Haltung leeren und die Schiffahrt einstellen zu müssen. - Ich muß gestehen, daß ich von so etwas anderenorts noch nicht gehört habe.

Aber die Bac im Tunnel hatte, wie gesagt, eine andere Funktion: nämlich die Höhe leerer Penischen für die Tunneldurchfahrt abzusenken.

:wink: Gernot

reanna
19.09.2010, 21:30
Hallo Gernot !

Ich werde Hans-Peter anschreiben.
Habe heute noch einige Bilder von ihm bekommen, diese stelle ich bei Born to be free -MY (http://www.binnenschifferforum.de/showthread.php?25398-Born-to-be-free-MY&highlight=born+free) ein.

Gruß
Rebecca :wink:

reanna
21.09.2010, 11:59
Servus !

Hier noch ein paar Bilder vom "Canal de la Bourgogne", die Hans-Peter mit seiner "Born to be free" befuhr.

Bild No.2: Kurz vor das Ausfahrt Burgund Kanal
Bild No.3: Schleuse St Jean, Eingangsschleuse von der Saone aus
Bild No.4: Wie ein Cowboy muß das Tau auf den Poller. Schleuse Dijon
Bild No.5: Feierabend auf dem Vogesenkanal auf Stützpfählen. So ist man sicher vor Besuch.
Bild No.6: Der Schleusenmeister hat im Keller ein kleines Kanalmuseum eingerichtet

Gruß
reanna