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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Kleine Geschichte für die schon recht langen Abende



Ausstellungsschiff
11.11.2011, 20:41
Weil es inzwischen schon so früh dunkel ist, hat vielleicht der eine oder andere Zeit und Lust, meine kleine Geschichte aus dem Jahr 2002, als wir zum 1. Mal für die Wissenschaft unterwegs waren, zu lesen.
Damals war alles für uns neu, manches hat uns zu schaffen gemacht, was inzwischen längst Routine ist. Immer wieder aber erstaunt mich, dass alte Leute bei uns im Schiff während sie Kaffee und Kuchen bestellen, oft von sich und ihrem Leben erzählen. Ich kenne diese Leute nicht und trotzdem haben sie Vertrauen zu mir, oder . . .
Hier nun meine Aufzeichnung aus dem Jahr 2002:

Wenn einer quer durch Deutschland fährt, dann kann er was erzählen . .
Sechs Monate waren wir als das GEOSCHIFF unterwegs. In 62 Städten hatten wir angelegt und über 117.000 Besucher haben sich das „Abenteuer Meeresforschung“ nicht entgehen lassen.
Für uns war diese Tour eine spannende Herausforderung, in jeder Stadt lief es anders. Zigtausend Schüler und Lehrer waren an Bord; unsere Beobachtungen und gemachten Erfahrungen wären genug Material für eine weitere PISA-Studie. Wir haben sehr viel erlebt: Schönes und Unangenehmes, hatten lustige, nachdenkliche oder auch traurige Begebenheiten.

So hat uns z.B. eine über 90-jährige gebildete Dame jeden Tag in Kiel besucht. Vier Tage kam sie am frühen Nachmittag, beschäftigte sich jeweils 2 – 3 Stunden mit einem Thema (mehr könne das ausgetrocknete Hirn einer alten Dame nicht verarbeiten, waren ihre Worte), gönnte sich danach bei uns im Bistro Kaffee und Kuchen und erzählte mir dabei ihr ganzes Leben. Ihr vor vielen Jahren verstorbener Mann sei Wissenschaftler in Kiel gewesen und gemeinsam hätten sie die ganze Welt bereist. Der Sohn mit Familie wohne weit entfernt und hätte keine Zeit, sie zu besuchen. Jeden Nachmittag erzählte sie mir die gleichen Geschichten. Ich hörte geduldig zu und versuchte, verständnisvoll zu sein, zu ermutigen oder aufzuheitern. Ich glaube, das ist mir auch ganz gut gelungen. Am fünften Tag kam sie schon vormittags und blieb, bis wir gegen 13.00 Uhr ablegten. Beim Verabschieden umarmte sie mich, ein paar Tränchen kullerten über ihre Wangen. Ganz leise sagte sie zu mir: „Jetzt fahrt Ihr weg und ich habe niemanden mehr zum Erzählen. Wo soll ich denn morgen hingehen?“

Ein vollbärtiger alter Mann, - er fiel mir sofort wegen seines unangenehmen Äußeren auf: dunkle, vergammelte Lederkleidung, die rechte Hand war durch eine künstliche schwarze Lederhand ersetzt, geschmückt mit Goldringen, - kam, nachdem er viele Stunden in der Ausstellung verbracht hatte, zum Bistro und bestellte Kaffee und Kuchen. Ich beobachtete dann, wie er Probleme hatte, den Kuchen mit der Kuchengabel in der linken Hand zu zerkleinern. Sollte ich helfen, wo er doch so unsympathisch wirkte? Ich überwand meine innere Abneigung und bot Hilfe an. Er nickte dankbar und begann dann zu erzählen. Verstanden habe ich, dass er früher auf großer Fahrt gewesen sei und das Meer noch heute sein Leben bedeute. Er hatte einen Sprachfehler und ich musste mich enorm anstrengen, ihn zu verstehen. Es nervte mich, wie sollte ich antworten, wenn ich nur einen Teil verstand, außerdem musste ich ja auch verkaufen und bedienen, und zudem war es noch laut in der Ausstellung. Sein Redefluss war nicht zu bremsen, ich nickte geduldig oder lächelte, obwohl ich innerlich schon ganz kribbelig war. Dann endlich hatte er seinen Kuchen gegessen und stand auf. Er kam zur Theke und legte zwei Euro hin, dafür, dass ich mich so nett mit ihm unterhalten hätte . . . . .

Aber auch Lustiges ist uns passiert: Z. B. in Köln kam ein etwa 10 Jahre altes Mädchen, mit Rucksack auf dem Rücken, Schreibblock und Stift in der Hand, die Treppe hinunter, nickte mir kurz wohlwollend zu und meinte: „Keine Angst, ich bin nicht von der Presse.“ „Da bin ich aber froh“, antwortete ich lachend. Sie ging durch die Ausstellung, kam zurück und erklärte, weil sie in diesem Jahr in den Ferien nicht verreisen könne, wolle sie jeden Tag etwas Schönes unternehmen. Heute sei das GEOSCHIFF dran, sie habe 20,-- Euro, die sie ausgeben dürfe, und später wolle sie mir verschiedene „Was-wäre-wenn - Fragen“ stellen, denn sie möchte mal Journalistin werden und da müsse sie jetzt schon üben. Aha, deshalb Block und Bleistift! Sie kaufte sich einen Ausstellungskatalog, setzte sich wie eine Große ins Bistro, blätterte und schlemmte dabei ein Eis. Dann war ich dran:
„Was wäre, wenn Dein Schiff auf dem Meer an einen großen Stein stoßen würde?“ fragte sie. „Erstens, unser Schiff ist ein Binnenschiff und darf nicht auf dem Meer fahren und zweitens kann im Meer gar kein großer Stein schwimmen; der würde doch sofort untergehen.“ „Mist, das war keine gute Frage. Ich geh´ jetzt wieder in die Ausstellung, danach überlege ich mir eine neue Frage.“ Sie verschwand, kam nach etwa einer viertel Stunde wieder. „Was würdest Du mitnehmen, wenn Dein Schiff sinken würde?“ Diese Frage war gut! „Also, ich würde die Schiffspapiere mitnehmen, die Geldbeutel mit den Ausweisen, und wenn noch Zeit bliebe, die Fotoalben.“ Sie schrieb eifrig mit. „Und Deinen Schmuck?“ „Naja, der wäre nicht ganz so wichtig, den könnte ich mir ja nach und nach wieder schenken lassen.“ (Hätte sie mich Wochen später gefragt, hätte ich antworten können: Habe ich keinen mehr, der wurde in Offenbach bei einem Einbruch in unsere Wohnung gestohlen!) Für meine guten Antworten gab sie mir ganz fachmännisch 40 Cent Trinkgeld und verschwand wieder Richtung Ausstellung. Ich musste dann etwas erledigen und mein Mann löste mich im Bistro ab. Als ich so nach einer Stunde wieder kam, empfing er mich mit: „Stell Dir vor, bei mir war ein junges Mädchen, das mir verschiedene Fragen gestellt hat. Weil ich so gut mitgemacht habe, hat sie mir einen Euro Trinkgeld gegeben!“
Die junge Dame kam in den nächsten Stunden noch mehrmals, fragte, schrieb, und gab für jede gute Antwort ein großzügiges Trinkgeld. Um 18.00 Uhr verabschiedete sie sich mit den Worten. „War das heute ein total interessanter Tag und Ihr habt ganz super mitgemacht!“ Da waren wir aber froh!!!

Diese kleinen Geschichten sind nur ein Bruchteil von dem, was wir alles erlebt haben. Deprimiert hat uns, dass viele ältere, aber auch schon jugendliche Arbeitslose z.B. in. Dessau, Wittenberg und Torgau resigniert haben. Wir haben aber auch ihren Dank gespürt, dass die Ausstellung an die Elbe kam, keinen Eintritt kostete und somit für jedermann zugänglich war. (Bildung auch für Arme, schrieb jemand ins Gästebuch) Auch über die Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen und die mancherorts übereifrigen Wasserschutzbeamten gäbe es viel zu schreiben, mal Gutes, mal weniger Angenehmes. Wir haben heiße Diskussionen mit Fluss-Ausbaugegner geführt, die die Binnenschifffahrt für das Hochwasser an Elbe und Donau verantwortlich machen, wir mussten uns beschimpfen lassen, haben aber kräftig gekontert. Wir haben auch zeigen können, wie leistungsfähig die Binnenschifffahrt ist und wieder mal festgestellt: Kaum jemand weiß etwas über den umweltfreundlichsten Verkehrsträger.

Über 117.000 Besucher waren im GEOSCHIFF, ein Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung. Besonders aufgefallen ist mir, dass so viele alte Leute sehr einsam sind und scheinbar niemanden zum Erzählen oder Zuhören haben.
Bald ist Weihnachten; wie werden die feine alte Dame und der schrille Seebär das Fest wohl verbringen?

Jürgen II
11.11.2011, 21:28
Hallo Karin,
toll geschrieben, ich kann hier nur hoffen, dass sehr viele unserer User und Gäste den Artikel lesen. Schreib uns bitte noch ein paar mehr.
Schöne Grüße aus Urmitz
Jürgen
der euch letzt noch in Berlin besucht hat.

Ausstellungsschiff
11.11.2011, 22:13
Hallo Jürgen,
danke für das Kompliment.
Ich kann mich noch gut an Dich und Deine Frau in Berlin erinnern. Ich freue mich immer, wenn sich jemand "outet", den ich bis dahin nur vom Schreiben her kannte :o)
Aber Du hattest Du uns ja schon vorher in ??? besucht.
Inzwischen waren knapp eine Million Besucher an Bord, da hat sich schon viel ereignet, was sicher noch lange in unserem Gedächtnis bleibt.
Ich wünsche Dir und Deiner Frau ein schönes Wochenende,
Karin

Joana
11.11.2011, 22:53
Hallo Karin,
schön geschrieben. Es ist wirklich wahr, daß viele Menschen einsam sind, weil in unserer Welt keine Zeit mehr füreinander ist.
Termine - Termine - Telefon - Computer usw. sind wichtiger.
Da ist es wichtig, daß was im Leben wirklich wichtig ist, nämlich das Miteinander wieder aufzuzeigen.
Auch die Aufklärung über die Binnenschiffahrt tut dringend not.
Ich hoffe auch, daß viele das hier lesen und vielleicht auch ein wenig nachdenken.
Grüße aus Bayern
Joana und Berti

Jürgen II
11.11.2011, 23:02
Hallo Karin,
du hast aber ein tolles Personengedächtnis. Aber wo hatte ich euch vorher schon besucht????wenn man aus Urmitz kommt.
Ich seh schon, hier kommt noch viel Positives auf den Artikel , wirst sehen. Zum Wochenende, wir fahren morgen mal nach Erlenbach zu unseren Schweizer Freunden von der Peniche "Willi".
Auch dir ein schönes Wochenende ( deinem Mann naturlich auch)
Jürgen

Ausstellungsschiff
12.11.2011, 08:14
Guten Morgen, Joana,
wenn Du es nicht weißt, dann weiß es keiner . . . . !
Manchmal ist es aber einfach schwierig, sich Zeit für andere zu nehmen. Man weiß das, möchte auch, kriegt's aber irgendwie nicht auf die Reihe. Ich war selbst in den Sommermonaten mit meiner Mutter in einer solchen Lage. Ich hab's zwar hingekriegt, war aber danach ziemlich geschafft.

Guten Morgen, Jürgen,
dann grüße mal die Besatzung vom WILLI von uns. Wir lagen ja zum Ruhrorter Hafenfest im August zusammen und haben viel "Seemannsgarn gesponnen"!

Mir ist noch eine kleine Begebenheit von heuer eingefallen, die zwar nicht weltbewegend ist, dafür aber richtig nett war (finde ich zumindest). Vielleicht gefällt sie Euch auch:
Eine Lehrerin kam mit ihrer ersten Klasse zu uns in die Ausstellung. Sie hat mich gleich gefragt, ob ich für 21 Kinder Kaktus-Eis hätte. Es sei ausgemacht, dass jedes Kind sich am Ende ein solches Eis kaufen dürfe. Ich hatte genug davon; Kaktus-Eis darf bei uns nie ausgehen!

Nach einer knappen Stunde kam die Lehrerin mit ihren Kindern zu mir an die Theke und ein Kind nach dem anderen kaufte sein Eis. Übrig blieben zwei Mädchen und ein Junge, die traurig, mit den Köpfen nach unten, zusammen standen. Auf meine Frage, warum sie kein Eis kaufen würden, bekam ich von der Lehrerin die Antwort, sie hätten kein Geld mitgenommen, obwohl es groß an der Schultafel gestanden hätte. Wer nicht aufpasst, den bestraft eben das Leben, meinte die Lehrerin.
Auf der einen Seite haben mir die drei Kleinen unwahrscheinlich Leid getan, auf der anderen Seite wollte ich mich nicht in pädagogische Maßnahmen der Lehrerin einmischen. Ich habe dann aber ganz leise gefragt, ob ich den Dreien ein Eis schenken dürfe, weil sie sich doch so ordentlich in der Ausstellung benommen hätten. Dagegen hatte die Lehrerin nichts und sicher könnt Ihr Euch vorstellen, wie die Drei gestrahlt haben, als auch sie ein Kaktus-Eis schlecken konnten!
Der Junge streichelte mir über den Arm, schaute mich ganz treu an und meinte: “Du bist ein liebes Schiff!“
Na, wenn das kein Kompliment ist!!!

Viele Grüße und ein schönes Wochenende
Karin

GMS HANSE
12.11.2011, 09:54
Guten Morgen Karin,

Eine sehr schöne Geschichten die du wieder geschrieben hast.

Viele Grüße und gute Reise
Henning






“Du bist ein liebes Schiff!“

:lool:
Das kann ich bestätigen

Ausstellungsschiff
12.11.2011, 10:07
Hallo Hennig,
wieso? Habe ich Dir auch schon mal ein Kaktus-Eis spendiert?

Liebe Grüße zurück und ebenfalls gute Fahrt!
Karin

GMS HANSE
12.11.2011, 10:12
Nee Kaktus Eis mag ich nicht,
Aber ne Bezen hast du mir schon mal spendiert.