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Ernst
25.02.2012, 00:03
Chronik der Reederei Winschermann

Der ehemalige Ruhr-Schiffer, Wilhelm Wünschermann*, gründet in Broich einen Kohlehandel. Die die Kohle transportierte er mit eigenen Kähnen. Wenn Not am Mann war stand er auch schon mal selbst am Ruder. War es Wilhelm Wünschermann der dem Unternehmen seinen Namen und die ersten Impulse zur weiteren Entwicklung gab, so war es vor allem sein einziger Sohn, Johann Winschermann, der das Unternehmen auch weit außerhalb dem Ruhrgebiet bekannt machte.
( * Der Vater hatte den Namen Wünschermann, sein Sohn benutzte den Namen Winschermann)

Johann Winschermann begann seine Karriere an der Haspel auf einem Schiff seines Vaters.
1871 im Alter von 28 Jahren trat er in das Unternehmen seins Vaters ein. Das Unternehmen hieß fortan Winschermann & Cie. mit Sitz in Mühlheim an der Ruhr. Johann Winschermann war ein gewiefter Geschäftsmann der bald große Kunden für das Unternehmen gewann. Sein größter Erfolg war die Verbindung mit dem Duisburger Tabakfabrikant Arnold Böninger der auch großes Interesse am Kohlehandel hatte. Die Geschäfts - beziehung war so eng das viele der Winschermann Schiffe exklusiv für Böninger fuhren. Das Absatzgebiet war überwiegend im Süden und Westen von Deutschland. Vor allen Dingen für Börninger errichtet er, um 1900 herum, ein großes Handelsnetzwerk am Mittel und Oberrhein.
Johann Winschermann stirbt 1903 im Alter von 60 Jahren.

In Ermangelung eines männlichen Nachfolgers übernimmt seine Witwe das Unternehmen. Ihr Schwiegersohn Karl Itzenplitz unterstützte sie dabei. Karl Itzenplitz gab 1906 dem Unternehmen einen neuen Impuls. Als er dem finanziell angeschlagene Unternehmen von Johann Knipscheer fünf Schraubenschleppboote und zwei Räderboote abkauft.
WINSCHERMANN & Cie. VII Baujahr 1901 mit 1000 PSi
WINSCHERMANN & Cie. VIII Baujahr 1901 mit 1100 PSi

Während der ersten fünf Jahre im 20. Jahrhundert wurden mehr und mehr Kohlemonopole etabliert.
Auf der Suche nach einem renommierten Bergwerkbetrieb findet Karl Itzenplitz 1913 Anschluss an die Gewerkschaft König-Ludwig in Recklinghausen. Der Familienbetrieb Winschermann & Ci. Wird umfirmiert in Reederei Winschermann GmbH. Der Kohlengroßhandel und die Umschlagplätze längs dem Rhein bekommen den Namen Winschermann GmbH unter dem Management von der Gewerkschaft König-Ludwig. Die Reederei wird zu einem Konzern umgeformt der exklusiv für die Zeche König-Ludwig fährt. Die Flotte besteht aus 19 Frachtschleppschiffen mit einer Tonnage von 20400 t und 8 Dampfschleppboote mit insgesamt 4500 PSi.
1915 wird der Firmensitz von Mühlheim an der Ruhr nach Ruhrort verlegt.
1919 wird die Tochterfirma Atlas Handels- Expeditie- en Scheepvaart Maatschappij NV in Rotterdam gegründet.
1920 wird die Flotte der Dampfschleppboote nochmals vergrößert. Von der Preußisch Rheinischen Dampfschiffahrt GmbH und von der Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt AG die kombinierten Fracht/Passagierschiffe
HOHENSTAUFEN Baujahr 1884 mit 450 PSi zugelassen für 1250 Personen
BORUSSIA Baujahr 1889 mit 1350 PSi zugelassen für 1900 Personen
Beide Boote werden renoviert und zum schleppen eingerichtet und dann auf die Namen
HOHENSTAUFEN - WINSCHERMANN & CIE III und
BORUSSIA - WINSCHERMANN & CIE IV getauft.

Die HOHENSTAUFEN - WINSCHERMANN & CIE III war wegen ihrer schwachen Motorisierung nur bedingt zum Schleppbetrieb geeignet. Sie wurde nach 5 Jahren still gelegt und anschließend verschrottet.
Die BORUSSIA - WINSCHERMANN & CIE IV war mit ihren 1350 PSI die stärkste Boot der Flotte und blieb bis 1930 in Fahrt.

1935 fusierte die Gewerkschaft König-Ludwig mit der Gewerkschaft Ewald aus Herten. Das neue Unternehmen bekommt den Namen Bergbau AG Ewald-König-Ludwig.
Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs bestand die Flotte, zusammen mit den Tochter-Reedereien Adolph Thomas und Atlas Handels- Expeditie- en Scheepvaart Maatschappij NV in Rotterdam aus
51 Frachtschleppschiffen mit einer gesamt Tonnage von 77200 t die Schleppboote verfügten insgesamt über 5000 PSi. 1939 betreibt Winschermann neben Schraubenschleppbooten noch die Räderboote WINSCHERMANN VII und WINSCHERMANN VIII. Die letzten Monate vor dem Zusammenbruch des 3. Reichs waren für die Reederei Winschermann dramatisch. Im Juni 1945 waren von den über 60 Schiffen der Reederei nur noch drei Schiffe einsatzbereit ! Alle anderen Schiffe waren entweder leicht oder schwer beschädigt. Die meisten waren total ausgebrannt oder versenkt worden. Auch die beiden Räderboote waren total zerstört und mussten verschrottet werden. Außerdem wurden alle Schiffe vom holländischen Management der Tochter-Reederei Atlas NV in Rotterdam beschlagnahmt. Erst 1952 wird ein Teil der Schiffe an die Reederei Winschermann zurück gegeben. Getreu dem Motto „kein Hindernis ist groß genug, das es nicht überwunden werden kann“ begann man mit dem Wiederaufbau der Reederei. 1956 bestand die Flotte wieder aus
29 Frachtschleppschiffen und 9 Motorfrachtschiffen mit einer Tonnage von 44300 t.
7 Dampfschleppboote und 2 Motorschleppboote mit insgesamt 7000 PSi / PS.
Zur Flotte gehören die modernen, 1956 von der Meidericher Schiffswerft gebauten, Motorschleppboote
WINSCHERMANN I – HERMANN KRÖNAUER mit 3 x 300 PS (Gasmotore) und
WINSCHERMANN II mit 3 x 400 PS.
Sie ersetzten die, mit 1430 PSi, stärksten Dampfschleppboote welche Ende 1956 still gelegt wurden.

Ende der Fünfziger wurde die Flotte um weiter Motorschiff-Neubauten, die unter dem Namen WINTRANS mit fortlaufender Nummerierung, erweitert. In den Sechzigern begann Winschermann mit dem Bau von Tankmotorschiffen.
1967 umfirmiert in Winschermann Transport GmbH.
1968 Fusion mit der Reederei Kanal Verkehr AG. (K.V.A.G.) Der neue Firmenname lautet Wintrans GmbH in Duisburg Ruhrort
In den Achtzigern fusierte Winschermann mit der VTG Reederei unter der Preussag Flagge.
1995 werden die Reedereien Winschermann, VTG und Lehnkering zusammen geführt und fahren fortan als LRG Reederei.
In dieser Flotte fahren immer noch alte Winschermann Schiffe.



Diese Chronik wurde von mir, frei nach einer holländischen Vorlage aus dem Archiv von Jan Verduijn, erstellt.
Der holländischen Autor ist unbekannt.

Etwaige Ergänzungen bitte in der Diskusionsplattform einstellen !


Gruß Ernst

Gerhard
14.10.2012, 11:35
Hallo

habe folgende Mail von Herrn Winschermann erhalten:

Sehr geehrter Herr Kuhn,

im Forum ist mir aufgefallen, daß es um die Flagge der Firma immer Diskussionen gibt.

Das Logo in der letzten Flagge stellt keinen Schäkel dar, sondern einen Schienenabschnitt, bzw. einen Schnitt durch ein Gleis.
Die Binnenschiffer lästerten immer über den “Schnuller”, weil der Flaggenwechsel als Denkmalsfrevel wahrgenommen wurde.
Das Zeichen war früher das Logo der Fa. Salzgitter, (Hermann-Göring-Werke), die natürlich auch Schienen herstellte.

Mit der Werft hatte ich geschäftlich zu tun.
Einige Original-Tischfahnen hat mir etwa 1978 noch der Betriebleiter der Werft in Ruhrort geschenkt, bevor die Firma geschlossen wurde.
In den letzten Jahren wurden nur noch Binnenfahrzeuge der Bundeswehr repariert.

Das Hafenbecken existiert nicht mehr. In der großen Hauptverwaltung sind heute Büros verschiedener Firmen.

Der Jan von Scheepen.nl hatte die neue Flagge durchgehend allen Schiffen zugeordnet und sogar den Schnuller noch auf den Kopf gestellt.
Entsprechend meinem Rat hat er vor 2 Jahren die Flagge mit dem Ruder eingesetzt.

Viele Grüße,

Rolf M. Winschermann