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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Historische Übersicht über die Entwicklung der französischen Kanäle



Gernot Menke
07.02.2013, 11:06
Es ist schon einige Zeit her, daß mir Wilfried Korff die angehängte Übersicht über die Bauzeit der französischen Kanäle zugeschickt hat. Dabei ist die Übersicht recht eindrucksvoll:
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Sie zeigt, daß das Kanalzeitalter in Frankreich mit ein paar ganz wenigen Scheitelkanälen begann. Die moderne Wirtschaft fing an, sich zu entwickeln und weckte das Bedürfnis nach einem leistungsfähigeren überregionalen Handel. Deswegen sollten die wichtigsten Ströme des Landes miteinander verbunden werden, denn die Flußschiffahrt war damals das mit Abstand effektivste Verkehrsmittel. Eine Eisenbahn gab es noch nicht und der Landtransport war beschwerlich und über längere Strecken wenig effektiv .

Auch darf man nicht vergessen, daß der Seetransport, der ohnehin nur die Küsten erreichte, damals viel weniger leistungsfähig und weitaus gefährlicher war, als heute. Hieraus erklärt sich die große Wichtigkeit des Canal du Midi, der nicht nur die Umfahrung der iberischen Halbinsel ersparte, sondern auch die Garonne und die Rhône miteinander verband. Auch der 1793 eröffnete Canal du Centre wurde, trotz seiner Anbindungen, die er im Binnenland schuf, als eine Verbindung von Atlantik und Mittelmeer angesehen (die Schleusen auf den beiden Seiten des Scheitels werden bekanntlich bis heute mit OCEAN und MEDITERANEE bezeichnet).

Der Name des Canals Loyre en Seyne, die Urform des heutigen Canal de Briare, macht deutlich, daß es um die Verbindung dieser beiden Ströme ging. Da sie mit relativ geringem Aufwand möglich war, läutete sie 1642 das Kanalzeitalter ein. Der zweite große Kanal im 17. Jahrhundert war der Canal du Midi.

Sowohl der Canal du Loing, als auch der Canal du Centre, die im 18. Jahrhundert folgten, waren eigentlich nur Vollendungen dieser beiden Verbindungen zwischen zwei Flußsystemen und zwei Meeren (gleiches gilt für den Canal d`Orléans, der in der Tabelle nicht enthalten ist und die Loire ab 1692 von weiter talwärts an dieses System anschloß).

Der Canal du Centre ist schon ein Erlebnis, denn er ist relativ schmal und sehr kurvig: man sieht ihm sein Alter an. Bezeichnenderweise hat der Canal du Centre keinen Tunnel, die bautechnisch damals noch große Schwierigkeiten bereiteten (im Canal du Midi gibt es den Malpas-Tunnel, der nur sehr kurz ist und beim Bau große Probleme mit sich brachte). Der Canal de Bourgogne, der bei dem Projekt der Verbindung von Seine und Rhône ein Konkurrenzunternehmen gewesen war, wurde wegen seines langen Tunnels erst vierzig Jahre später fertig und fällt dadurch zeitlich schon in eine neue Ära - konzeptionell ist er aber ganz klar noch der ersten Phase zuzuordnen.
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Die zweite Epoche war dadurch geprägt, daß wegen des steigenden Transportbedarfs die bloße Verbindung der großen Ströme nicht mehr als ausreichend angesehen wurde. Man ging jetzt zur durchgängigen Stauregelung über - in Frankreich zumeist in der Form von Seitenkanälen. Zugleich erfolgte eine erste Standardisierung im Format Becquey (gabarit Becquey, beschlossen 1821/22, Schiffsabmessungen 30 x 5,05 m, Höhe 2,60 m, Tiefe 1,20 m), die um 1830 weitgehend umgesetzt war. Damit war die Grundlage der Fünfmeter-Schleusen gelegt ... denn das spätere Penischenmaß bedeutete zwar eine Verlängerung und Vertiefung, aber natürlich keine Verbreiterung der zahlreichen Schleusen.

Erst jetzt entstand - eigentlich innerhalb von nur ein oder zwei Jahrzehnten! - ab 1830 das französische Kanalnetz.[Diese Zeit war ja auch in Deutschland eine Schlüsselzeit, in die z.B. der Bau des Ludwigskanals oder die Lahnkanalisierung fallen] Der Rhein-Marne-Kanal hatte wegen seiner bautechischen Herausforderungen (Vogesenüberquerung) etwas Verspätung und ging erst 1853 in Betrieb (es gab Stimmen, die diesen Kanal wegen der aufkommenden Eisenbahn gar nicht mehr bauen wollten). Der Grund für diese zeitliche Konzentration ist der rasch zunehmende Transportbedarf in einer Zeit, in der das Eisenbahnsystem erst im Entstehen war. Beides kam in dieser kurzen Zeit zusammen.
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Alles, was danach kommt, kann man, wenn man will, als eine dritte Ära bezeichnen. Die wenigen nach 1860 gebauten Kanäle wurden aus besonderen Gründen gebaut, wie der Canal de Vosges (früher Canal de l`Est), der eine Folge des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 war. Den Saarkohlenkanal (1866) kann man als eine Folge und Ergänzung des Rhein-Marne-Kanals betrachten. Insgesamt handelte es sich bei den in dieser letzten Phase gebauten Kanälen um Ergänzungen und Abrundungen. Der Marne-Saône-Kanal sollte zusammen mit dem Canal de Wassy zunächst nur den Zugang zu einem Industrierevier um St.-Dizier eröffnen, wurde dann aber doch verlängert und in das bestehende Netz integriert.

Das wichtigste Ereignis dieser letzten Phase war die zweite Standardisierung des inzwischen bestehenden Netzes, die Erweiterung der Kanäle auf das gabarit Freycinet (beschlossen 1879, Schiffsabmessungen 38,50 x 5,05 m, Höhe 3,50 m, Tiefe 1,80 m), die um 1890 herum umgesetzt wurde (lediglich das Südende des Canal du Nivernais verblieb wegen der dortigen drei Tunnels und nachlassenden Verkehrs im alten Becquey-Maß). Damit war das heute bestehende Kanalsystem geschaffen, wenn man von einigen Verbindungen in Nordfrankreich (z.B Canal du Nord oder Canal de Neufossé) absieht.

Die Spitzen hatten verschiedene Vorgängertypen mit bestimmten Merkmalen - aber das, was wir heute einfach aufgrund ihrer Größe unter einer Penische verstehen, ist also noch gar nicht so fürchterlich alt.

:wink: Gernot

Cantor
15.11.2014, 00:57
Hallo Gernot,

hier im Cache eine Karte der französischen Wasserstraßen (http://www.pnich.com/carte_%20voies_navigables.pdf). Man kann jeden Fleck der Karte durch den automatischen Zoom (oben in der Leiste) ein wenig oder auch extrem viel vergrößern.

Vorher ist mit den Schiebeleisten am rechten Rand und unten nur noch der gewünschte Kartenausschnitt ins Blickfeld zu ziehen. Erst etwas zoomen und dann die Wasserstraße suchen und einregeln sowie nach Belieben weiter zoomen.

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sG Eberhard

wilfried korff
15.11.2014, 14:57
Hallo , anbei eine interessante Darstellung der Flussbecken in Frankreich. Anhand der Gegebenheiten haben die Kanalbauer entschieden,
wo ein Seiten- oder Verbindungskanal zu bauen ist. Gruss Wilfried

wilfried korff
16.11.2014, 12:52
Hallo , im Maison des Mariniers in St. Jean de Losne / Sâone habe ich dieses Foto gemacht. Die Aufnahme zeigt Kanalbauarbeiten um 1850. Da muss man wirklich Respekt haben , was zu dieser Zeit geleistet wurde! Gruss Wilfried
PS Siehe auch www.Musee-saintjeandelosne.com

felixS
17.11.2014, 08:49
Hallo

Wenn ich mir die zwei Männer links anschaue tippe ich eher auf 15. oder 16. Jahrhundert. Dafür sehen mir die Arbeiter rechts zu "modern" aus.
Vielleicht ist das aber der künstlerischen Freiheit zuzuschreiben.

Felix