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Werner Hergarten
28.09.2013, 19:11
Moin moin

Personen- und Kraftwagen-Großfähre MS „Bremerhaven“
so steht es auf dem mir vorliegenden Sonderdruck der Firma J.M.Voith aus Heidenheim (Brenz) geschrieben. Diesen habe ich mir mal vorgenommen und möchte Euch auch davon berichten; die eingestellten Daten stammen auch aus anderen Quellen. Die BREMERHAVEN wurde auf der F. Schichau Werft in Bremerhaven gebaut.

Geschichte der Werft (ein kurzer Abriß):
Die Schichau-Werke waren ursprünglich ein ostdeutsches Industrieunternehmen mit Sitz in Elbing/Westpreußen, gegründet im Jahre 1837 von Ferdinand Schichau. In den Gründerjahren wurden Dampfmaschinen und auch Lokomotiven gebaut. Für den Schiffbau wurde Mitte der fünfziger Jahre des vorletzten Jahrhunderts ein Werftbetrieb in Elbing errichtet. In den folgenden Kriegs- und Friedensjahren waren die Maschinenfabriken und auch der Werftbetrieb mit Aufträgen ausgelastet. Nach dem zweiten Weltkrieg siedelten sich viele gut ausgebildete Schiffbauer im norddeutschen Gebiet an und gründeten Anfang der fünfziger Jahre die neue Werft F. Schichau Werft später mit der Schiffbaugesellschaft Unterweser als SUAG fusionierte. Danach gehörte die Werft zum Vulkan-Verbund, der SSW und dann war Ende, ein trauriges Kapitel in der deutschen Werftengeschichte. Während meiner Lehrzeit im Rheinland hatte ich auch mit vielen älteren Kollegen aus dem Preußenland zusammengearbeitet, die mir sehr viel -z.B. auf dem Schnürboden- beigebracht haben.

Der Fährbetrieb (ein kurzer Abriß):
Der Fährbetrieb auf der Unterweser Bremerhaven-Nordenham bzw. Blexen wurde bereits im Jahre 1862 vom Norddeutschen Lloyd Bremen mit Dampfern eingerichtet. Im Jahre 1884 erfolgte im Rahmen eines Staatsvertrages ein Abkommen zwischen der Großherzoglich-Oldenburgischen Staatsregierung und der Bremer Bugsier Union über den Fährbetrieb. Im Jahre 1910 wurden neue Gesellschafter gefunden, das Unternehmen führte ab sofort den Namen Weserschiffahrtsgesellschaft mbH mit Sitz in Oldenburg und wurde im Jahre 1921 nach Geestemünde verlegt. Die Firmenbezeichnung lautete dann Weserfähre GmbH. Der Fährbetrieb war nach dem 2. Weltkrieg wegen der Zerstörung der Anlegestellen und vorhandenen Fährenfast eingestellt, es gelang aber, dieses behelfsmäßig instandzusetzen.

Das Fährschiff BREMERHAVEN:
Im Rahmen der Wiederaufbaumaßnahmen sollte für die Fährstelle Bremerhaven-Nordenham/Blexen ein neues Fährschiff (Doppelendfähre) angeschafft werden, die größte Binnenfähre im Land. Das Verkehrsaufkommen hatte sich drastisch entwickelt und für den Raum Hamburg in das nordwestliche Niedersachsen war die Destination Bremerhaven die günstigste Verbindung. Mit der Deutschen Bundesbahn gab es z.B. nach Inbetriebnahme Verträge über durchgehende Gepäckbeförderung, Eil- und Frachtgütern, damals ein Novum. Früher war es nur möglichmit Handkarren, Pferdefuhrwerken oder PKW die Weser zu überqueren, mit dem Neubau konnten auch Lastkraftwagen und Omnibusse übergesetzt werden. Im Vorfeld wurden in Zusammenarbeit mit der Hamburgier Schiffsbauversuchsanstalt (HSVA) der Reederei und dem Antriebshersteller Voith-Schneider Schleppversuche am Institut in Hamburg durchgeführt, deren Ergebnisse auch in Bezug auf Wellenbildung in die Gestaltung der Schiffslinien Einfluß genommen haben. Der Fährschiffsneubau wurde an einen ortsansäßigen Betrieb vergeben:

Schiffsdaten/Hauptabmessungen:
Name: BREMERHAVEN
Bauwerft: F. Schichau AG, Bremerhaven
Bau Nr.: 1.654
Gebaut in: D
Baujahr: 1954
Länge über alles: 56,00 m
Länge zwischen den Loten: 54,70 m
Breite über alles: 13,00 m
Breite auf Spanten: 12,70 m
Seitenhöhe: 4,50 m
Tiefgang (beladen): 3,00 m
Verdrängung: ca. 730 t
Tragfähigkeit: 340
Geschwindigkeit: ca. 11,7 KN
Fahrbahndeck: ca. 420 m²
lichte Durchfahrtshöhe Wagendeck: 4,59 m
lichte Fahrbahnbreite: 8,00 m
Sitzplätze Unterdeck: 278 Pax
Sitzplätze Oberdecks: 578 Pax
zugelassene Personenzahl: max. 1.500 Pax

Klassifikation:
Germanischer Lloyd
Klassenzeichen: GL + 100 A4 Watt E

Schiffstechnik:
Schiffsantrieb:
- 2 Sechszylinder viertakt MWM Schiffsdiesel Typ RH 348 S, 500 PS/375 U/min, nicht umsteuerbar (gedrosselt) mit angehängten Kreiselpumpen zur Frischwasserversorgung
- 2 Voith-Schneider Propeller , Flügeldurchmesser 1.800 mm
- 2 Wülfel Schiffswellenanlagen mit angehängten Tacke-Bogenzahn Kupplungen
- 2 Flender-Almar Kupplungen

Hilfsmaschinen:
- 1 Diesel-Dynamo-Kompressor-Aggregat. 20 kW elastisch gelagert
- 1 MWM Hilfsmotor Typ RHS 518 Z, 35 PS/850 U/min, Kompressorleistung 29 m³/h
- 1 Lenz-/Ballastpumpe, 70 m³/h bei 25 m WS
- 1 Reserve-Frischkühlwasserpumpe, 30 m³/h bei 20 m WS
- 1 Treibölpumpe, 5 m³/h
- 1 Schmierölseparator, 1.500 l/h
- 1 Frischwasser-Drucktankanlage. 500 l
- 1 Seewasserdrucktankanlage, 1.000 l

Navigations- und Sicherheitsausrüstungen:
- ca. 25 Handfeuerlöscher nach Vorschrift im gesamten Schiffsraum verteilt
- 6 Rettungsflöße, auf dem Peildeck angeordnet
- 1.000 Schwimmwesten
- 1 Arbeits-/Bereitschaftsboot in einem Davit auf dem Hauptdeck angeordnet
- 1 Signal- und Alarmsystem
- 1 Radaranlage mit Sichtschirmen in beiden Steuerhäusern
- 2 Kompaßanlagen
- 4 Steuerungsanlagen für die VSP-Propeller

Schiffsbeschreibung:
Aufgrund der besonderen Seegangsverhältnisse und auch Eisgang in der kalten Jahreszeit im Unterweserbereich und den Ergebnissen der Schleppversuche wurde der Schiffsrumpf in Längsspantbauweise gebaut. Der Schiffsrumpf wurde für die Eisfahrt besonders verstärkt, so wurden neben den üblichen Rumpfverstärkungen im Vor- und Hinterschiff Eisstringer über die gesamte Schiffslänge angeordnet. Im Bereich der VSP-Antriebe wurden spezielle Strömungskeile angeordnet. Dadurch werden die Eisschollen von der Außenhaut fern gehalten und nach oben gedrückt. Der Abstand der Rahmenspanten beträgt 2,00 m. Das Fahrbahndeck ist gemäß den Vorschriften für Landstraßen nach DIN für LKW bis 45 t Gewicht und 7,5 t Raddruck ausgelegt. Der Aufbau wurde in Querspantbauweise erstellt. Der Schiffskörper wurde in sechs Sektionen erstellt und später in einem Schwimmdock zusammengebaut. Er ist durch sechs Schotte in sieben wasserdichte Abteilungen unterteilt. Die vier Hauptschotte sind in Sickenbauweise erstellt (600 mm x 90 mm, a = 6,5 mm), die beiden anderen sind normal versteift:
- Unterraum: VSP-Räume achtern und vorne, dann die Wellennlagen. Der Hauptmaschinenraum mit den etwas schräg zur Mittschiffslinie angeordneten Hauptmotoren ist auf halber Schiffslänge angeordnet
- Zwischendeck: dort sind achtern und vorne Fahrgasträume für 116 bzw. 278 Pax angeordnet, 278 Passagiere, total. In diesen Räumen sind auch noch Unterkunftsmöglichkeiten/Kammern für die Besatzung integriert.
- Hauptdeck/Fahrbahndeck: Die Fahrbahngröße beträgt, wie oben geschrieben, ca. 420 m². auf den früher üblichen Holzdecksbelag hatte man verzichtet, denn es wurden auch seinerzeit fast keine Huftiere transportiert. Das Fahrbahndeck wurde mit einer Hartguß-Asphaltschicht ausgekleidet. Im Bug- und Heckbereich sind an die Schiffskonstruktion spezielle Auflager für die landseitigen Laderampen angebaut worden. Im Bereich des VSP-Räume sowie über den beiden Hauptmotoren sind Glattdeck-Montageluken angeordnet.
- die oberen Decks sind über Treppen zu erreichen. Man gelangt zu den beiden schmalen Fahrgasträumen an den Bordseiten mit jeweils 54 Sitzplätzen. Auf dem Oberdeck ist der geräumige Fahrgastraum, der für 392 Fahrgäste bestuhlt ist, angeordnet. Dieser bietet mit seinen breiten Fenstern einen ungehinderten und freien Ausblick. Dieser Salon mit einer Länge von 20 m reicht über die gesamte Schiffsbreite. Auf einen guten Schallschutz wurde hier besonderen Wert gelegt. Vorne und achtern befinden sich freie Decksflächen für jeweils 30 Passagiere.
- Brückendeck mit den beiden Steuerhäusern, den Signalmasten und Rettungseinrichtungen

Verbleib der BREMERHAVEN:
Informationen aus den Reedereiangaben und Wilhelm Langes
- 1970/1980 Neumotorisierung, SKL-Motoren
- 1999 Ausschreibung zum Verkauf
- 2001 Verkauf in die Niederlande
- 2002 Rederij Wadden Transport, Terschelling/NL, Dienst im Verkehr Harlingen - Terschelling – Vlieland

Nachtrag:
Ich hätte hier auch noch weiter ausholen können, aber die eingestellten Daten sind meiner Meinung nach in Ordnung. Weitere Informationen, die ich vielleicht erhalten werde, werden ergänzt und können im Forum von den Moderatoren zusammengefügt werden.

Quellen:
Sonderdruck Fa. Voith aus der Hansa 1956, Nr. 4 Seiten 215-221, Autoren:
- schiffbaulicher Teil: Herr Schiffbauingenieur Eugen Ahorn, Bremerhaven
- maschinenbaulicher Teil: Herr Oberingenieur H. Brinkmann, Bremerhaven
weitere private Informationen und Nachforschungen. Photos liegen mir vor, aber ich habe noch keine Freigabe (©).

Verlinkungen:
http://www.weserfaehre.de/de/wf_start
http://www.waddentransport.nl/index.htm
http://www.fjordfaehren.de/
die Rechte liegen bei den Anbietern

Ein Gruß aus Flensburg

Werner