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Klaus Schmitt
24.02.2015, 11:33
Bobby 1

von Klaus Schmitt

Wie es mit dem Bordhund anfing

Es war schon dunkler Abend, als Vater mit dem Nachen von Land zurückkam. Es regnete etwas. Im Schein der Petroleumslaterne konnte man erkennen: Auf der Nachenpritsche kauerte zitternd ein kleines, dunkles Etwas. Mit einer Hand hob es Vater an Deck der MAINPERLE. „Das wird unser Schiffshund!“ Ein Mann aus Flörsheim hatte ihm das Pürzelchen geschenkt – oder aufgeschwätzt. „Es wird ein Spitz“ – das Ideal eines Schiffshundes. Meinte er. Hatte man ihm gesagt. Glaubten wir.

Wir Kinder (meine Schwester Gisi und ich) waren glücklich, Mutter hatte wohl noch sorgende Bedenken. So lange war es gar nicht her, daß unser Schiffshund abgeschafft worden war, nachdem ich mich mitsamt meinem Laufställchen zielgerichtet an die Hundehütte herangeschubst hatte, um die Reste aus dem Hundefreßnapf für mich zu ergattern. Das wurde als unhygienisch eingestuft – der Hund mußte weg. Ich sollte ein reinlicher Mensch werden!

Und jetzt war da nach Jahren wieder so ein ganz kleines liebes Putzelchen an Deck geplumpst, zitternd, tollpatschig, neugierig, liebebedürftig, .... einfach was ganz Wunderbares. Das ganze Leben an Bord würde sich total verändern!

Und schon wurde aber da vor dieses umfassende Glück ein strenger Riegel vorgeschoben: „In der Roof hat er nichts zu suchen!!“ Das fand Mutter dann schnell auch – wegen der Reinlichkeit, das war ja die Kompromißlösung.

Die erste Nacht war grausam. Für uns Kinder, wahrscheinlich auch für das kleine Hundetierchen. Wir schliefen im Achterunter in einem Schrankbett, Isolierung gab es noch nicht, nur Nut- und Federbrettverschalung, wir konnten ihn mit seinen kleinen Krallen an Deck herumirren hören. Weglaufen konnte er ja nicht, wir lagen vor Anker. Der Main kluckerte in der Nacht nicht viel, man konnte seine Irrwege und Entdeckungstouren genau verfolgen. Bis er müde wurde. Dann schliefen auch wir sorgenvoll und mitleidend, aber doch glücklich ein.

Am nächsten Morgen hatte er in die Kombeis *) gekackt.

Ja, so was! Das schmälerte das Glück empfindlich! Da schwebte Ungnade über den Wassern. Da mußte ja doch unverzüglich ein ordentlich geregeltes Bordleben anerzogen werden.

Um es vorweg zu nehmen, er war später darauf abgerichtet, wenn wir bei Schiffen auf Seit lagen mit etwa gleicher Gangbordhöhe, machte er sein Geschäft auf dem Nachbarschiff. „Ja, so ist‘s recht,-- braver Hund.“

Wie es dazu kam weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich hat Mutter die Entscheidung getroffen, Vater hat sie gewähren lassen (als Ausgleich, - weil es bei der Eheschließung eine Verabredung gegeben hatte, daß sie an Deck nichts mitzureden hatte), ... wir Kinder kannten das Wort gar nicht,
-- auf einmal hieß er „Bobby“.

*) Kombeis
Wer heute nicht mehr weiß was das ist:
ein Herd an Deck in einem Blechgehäuse mit Türen und Klappdeckel, für den Sommerbetrieb, wenn man in der Roof kein Feuer haben konnte und wenn die große Wäsche fällig war. Für die Matrosen gab es auf dem Vorschiff gar keine Roof, nur eine Kombeis an Deck und unter Deck nur einen Wohnraum (eher Aufenthaltsraum) und eine Schlafkammer. Das vordere Schott war das Kollisionschott, unverschalt. Später habe ich als Schiffsjunge eine Dreimastbark drauf gemalt. Von nackten Weibern hatte ich noch keine Vorstellung.

Dalben
24.02.2015, 12:00
Moin Klaus,

eine schöne Geschichte.:super: Solche Geschichten lesen wir alle sehr gerne.
Kurz, tobe dich weiter so aus:hupf:

Maritime Grüße, Wolfgang

Klaus Schmitt
25.02.2015, 00:56
Wie im Achterunter der Himmel war

Natürlich haben wir Kinder das Gebot missachtet, dass Bobby nicht in die Roof durfte. Wir brauchten ihn ja nur geschickt einzuschleusen. Wenn draußen schlechtes Wetter war, oder Kohlen geladen wurden, oder abgewaschen wurde, war unser zugewiesenes Exil der Achterunter. *) Hier konnten wir spielen ohne dass man uns beaufsichtigen musste.

Um in den Achterunter zu kommen musste man durch die Schlafkammer der Roof, durch eine Schiebetür mit einer wunderschön geätzten Schei-be mit Jugendstil-Blumendekor. (Ich habe die Scheibe noch!) In der Schlafkammer hing ein gerahmter Spruch: „Hab‘ Sonne im Herzen und Zwiebel im Bauch, da kann man gut scherzen und Luft hat man auch.“ Und so roch es da auch. (Ich erinnere mich heut‘ noch an den Geruch.)

Eine steile Treppe hinunter - die man rückwärts gehen sollte - kam man in den Achterunter. Dort gab es einen „großen“ Raum, mit rundherum eingebauten Schränken. Die Mitte des Achterunters dämmerig erhellt durch ein Oberlicht, bot reichlich Platz zum Spielen. Von den Schränken in der Seitenverschalung waren zwei als Schrankbetten eingerichtet. Wir fanden sie riesig. Das eine Schrankbett war als Kleiderablage genutzt, das andere war unsere Schlafstätte. (Wir wurden zwar später auf zwei Schränke verteilt, aber das war zu spät, wir wußten dann schon ausreichend genau, was man von Buben und Mädchen wissen musste.)

So lang ist das her: wir mussten damals noch unser Mittagsschläfchen machen, wie im Kindergarten. Zum Empören: Dabei waren doch Ferien! Also suchten wir heimlich eine „sinnvolle“ Beschäftigung: Wir schleusten Bobby ein, und spielten Zollfahndung.

Die Schränke im Achterunter waren geheimnisvoll mit allem möglichen Schiffsmaterial geladen, Petroleum, Farbe, Tauwerk, Mennige, Flaggen, Laternen, Werkzeug, rostige Nägel, ölige Schrauben, alter Gummi, Dämmselmaterial, Speck, Ölzeug, Leckkleid, Angelzeug, Netzsäcke, Büchsenwurst, Schwarzmarkt-Ware ...

Unter dem Fußboden in der Bilge, durch eine Bodenluke zugänglich, war noch Stauraum, so weit man sehen konnte, für Kartoffeln, Gemüse, Apfelwein und Rhenser Wasser (mit dem Schraubstopfen).

Öffnete man die Schranktüre Steuerbord achtern in der Ecke – stand man vor ein paar steilen Stufen – und oben war der Abort. Er hatte ein Oberlicht, das man in der Höhe für den Kopf brauchte, wenn man auf dem Trichter saß. (Wir Kinder natürlich nicht.) - .....und zur Entlüftung natürlich auch. Eine große braune Email-Kanne zum Spülen musste ständig gefüllt gehalten werden. Es war mein Ferienjob, sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit draußen mit dem Schöpfeimer zu füllen und wieder hinunter zu schleppen. Ebenso musste der Nagel für die Zeitungszuschnitte stets ausreichend bestückt sein. (Kultur im Endstadium!)

So, und nun stelle man sich die zuletzt gelesenen Absätze einmal vor – wie es der Maler mit Farben tun würde, der Musiker mit Tönen – jetzt aber einmal empfunden mit den feinen Sinnen einer Hundeschnauze. Es war der helle Wahnsinn. Eine Symphonie, eine ganze Wagneroper von Wohlgerüchen! Einfach der Hundehimmel auf Erden! Bobby trippelte und wieselte ganz aufgeregt, schien gar verrückt werden zu wollen. Er wurde aber bei der hektischen Wühlerei und Schnüffelei eigentlich nur furchtbar dreckig und sammelte einen Schatz von Geruchserinnerungen zum Nachträumen. Damit musste er sich zufrieden geben, weil er ja für diesen Himmel kein gültiges Visum hatte.

Als Zollfahnder fand Bobby leider keine geschmuggelte holländische Schokolade. Nur Hühnerfutter und ein ganzes herrliches Bergwerk voll (von der Ladung überzähliger) Briketts.

*) Achterunter
Wer heute nicht mehr weiß was das ist:
Der hinterste, unterste Raum im Schiff (Schleppschiff.) Er muss-te kein Kollisionsschott haben, lag praktisch hinter dem letzten Laderaumschott, hatte vielleicht auch Bullaugen oder ein Ober-licht und war ein Nebennutzraum zur Wohnung, mit Nut- und Feder-Holz – ohne Isolierung - ausgezimmert und in Lasur gestrichen.

Wasserratte
25.02.2015, 21:01
Was sind das für schöne Geschichten, erzähl nur weiter Klaus, ich finds schön. Ach ja, Achterunter kenn ich auch noch gut, meine Schwester und ich lagen da unten auch im Schrankbett und hatten geschlafen, ich war wohl mal nachts rausgefallen, das war hoch. Ich hatte es nicht gemerkt, aber Mutter hatte mich gefunden und wieder reingelegt, dabei war ich aufgewacht.
Wir schliefen auf einem Strohsack und hatten schwere Federbetten, und anzustellen hatten wir auch immer eine Menge gehabt ;-). Hinten zum Hinterschiff hin, war ein Vorratsschrank, der immer abgeschlossen war, einmal steckte der Schlüssel und wie Kinder halt sind, waren wir gleich drin und haben eine Marmelade genascht. Danach haben wir den Schlüssel nie wieder stecken sehen. Hatten wir mal was angestellt, was für die Eltern schlimm war, mussten wir immer in den Achterunter ins Bett und durften uns nicht mehr blicken lassen und zu Essen gab es auch nichts. Mutter hatte oft Mitleid mit uns und uns heimlich was zu Essen gebracht, mit dem Versprechen, dass wir Vater ja nichts davon erzählen.

Klaus Schmitt
26.02.2015, 18:59
Bobby 3

Wie das Hundeleben abenteuerlich wurde

Bobby wurde kein Spitz, wie es versprochen worden war. Es war offensichtlich irgend ein Schnauzer mit im Spiel gewesen, aber das tat der Hundeseele keinen Abbruch. Im Gegenteil, er war nie so giftig, wie man es dem Spitz nachsagt. Er hat natürlich gekläfft und geknurrt und die „MAINPERLE“ verteidigt gegen Zollbeamte, Wasserschutz, Eichmeister, Steuerleute, sogar gegen die Hühner, die im Herft untergebracht waren und ab und zu Freigang an Land hatten.

Bobby lebte fortan in einer schönen Hundehütte aus neuen Straudielen gezimmert und mit Kohlteer schick konserviert. Die Hütte stand etwas geschützt unter dem Steuerstuhl *). Aber außer diesem Schutz gab es auch im Winter keine Verweichlichung für einen echten Schiffshund, der er ja nun mal werden sollte.

In dieser Karriere gab es allerdings einen Knick: Bobby wurde wasserscheu. Als er einmal sein Schiff gegen eine vorbeitreibende tote Ente verteidigte, kam er mit Kläffen und Hin- und Herrennen so in Wut, weil dieses Entenvieh derart arrogant jegliche Reaktion vermissen ließ, daß er – plumps und verstummend – ins Wasser fiel. Er wußte zwar dann, daß er schwimmen konnte, er kam aber dann nicht mehr alleine auf’s Gangbord hoch und das führte zu einem Trauma.

Um dennoch etwas aus ihm zu machen, wurde er von mir als „Schiffsjunge“ auf „meinem“ Nachen angeheuert. Und das gefiel ihm sehr. Schnell hatte er die Erfahrung gemacht, daß wir bei jeder Gelegenheit auf Hafenrundfahrt gingen, ins Schilf fuhren, auf große Abenteuerfahrt in die Bürgstadter Kiesgrube fuhren, oder auf „Südseefahrt“ zu den Laudenbacher Inseln.

Kaum machte ich mir achtern am Kranbalken zu schaffen, um den Nachen herunter zu lassen, wieselte er schon auf der Quadrantabdeckung hin und her, und schwups, saß er schon auf der Nachenstrau und wartete darauf, daß es los ginge. An Land zu kommen, das wurde seine sehnlichste Leidenschaft. Nicht dass er weglaufen wollte, er hatte schon Treue zu seinem Schiff. Aber ein flotter Landgang, mit neuen Schnüffelerfahrungen ließ stets sein struppiges Hundeherz höher schlagen. Standesgemäß wie ein herumkommender Seemann suchte er alle düsteren Löcher auf, verwühlte und verbellte sie, machte den dicken Molli und ...konnte nicht zahlen. Mit fröhlichen Sprüngen kam er hechelnd zwischendurch wieder angerannt, den Schnauzbart verdreckt, der Schwanz wollte sich bald selbständig machen, das Gekläffe voll wichtiger Neuigkeiten und diese munteren, glückstrahlenden Hundeaugen! Ich sehe sie noch heute.

Ganz toll war es, Robinson zu spielen. Er war dann Freitag und brachte pausenlos Bauholz. Das war allerdings unbrauchbar für den Floßbau. Ich habe ihm das aber höflicherweise nie gesagt. Denn eigentlich benötigte man richtiges Grubenholz dafür. Gelegentlich hatten wir ja Grubenholz geladen. Da wurden dann reichlich Reibhölzer daraus gemacht. (Erst viel später wurde mir klar, daß die runden Grubenhölzer nicht so gut waren - weil sie halt schnell platzten -, wie die vierkanten „gekauften“, die man an der Ruhr von Reedereischiffen „günstig kriegen“ konnte.)

Bobby wußte aber nichts von den Holzqualitäten, er war nur ständig auf Lebensrettung aus. Er hätte auch ein guter Bernhardiner werden können. (Wir wissen ja nicht, was alles genetisch in ihm steckte.)

Nur fischen wollte er nicht. (Da war jenes Trauma.) Also mußten wir auf große Fahrt eigenen Proviant mitnehmen. Und einmal hatten wir Siedewürstchen dabei, konnten auch Feuer machen, weil man das zum Sieden braucht, hatten aber kein Frischwasser dabei. Notgedrungen haben wir die Würstchen in Apfelwein gekocht. Bobby fand nichts Greusliges dabei. Die Robinsonade hatte uns ein neues Rezept beschert, und alle waren glücklich, wie Abenteurer halt so sind.


*) Steuerstuhl
Wer heute nicht mehr weiß was das ist:
Das ist nicht der Stuhl, auf dem der Steuermann sitzt. Das war früher, als man noch den liegenden Haspel hatte, eine kreisrunde Bühne um diesen liegenden Haspel herum, aufgeständert etwa 1m über Deck, so daß man über die Roof und die Küche hinweg gucken konnte, rundherum mit einer etwa 800 mm hohen Blechschanz umfaßt die mit Türen versehen war. Auf der Oberkante dieser Schanz konnte ein Blechschirm rundherum geschoben werden, als Regen- und Sonnenschutz. Der Holzboden war mit Trittleisten versehen, gegen die man sich stützen konnte, wenn man sich mit aller Kraft gegen die Speichen des Haspels stemmte.

Klaus Schmitt
28.02.2015, 15:06
Bobby 4

Wie es um Leben und Tod ging

Bergfahrt im Schleppzug. Irgendwo auf Strom, sagen wir mal am „Guten Mann“. Gerade hatten wir nach stundenlanger, zäher Anstrengung einen anderen Schleppzug überholt. „Wir“, das war natürlich das Verdienst unserer Räderboot. Die MAINPERLE mit ihren 372 Tonnen und dem dicken, holländischen Kopf hing wie immer auf Nummer letzt!

Unser Lukendach war zugedeckt. Eigentlich ein schöner Spielplatz, aber wegen der Dachneigung nicht ganz ungefährlich, und Gangbordgeländer hat die BSBG erst viel später vorgeschrieben.

In der heiteren Mittagssonne war alles recht lustig und Bobby flitzte unentwegt auf dem Dach hin und her, weil ich ihm Kachelhölzchen warf. Es war eine seiner Leidenschaften, geworfenen Kachelhölzchen nachzu-jagen und sie wieder zu bringen. (Das adelsmäßige „Apportieren“ wäre für Bobby nicht der richtige Ausdruck gewesen.) Und mit diesem ständigen sportlichen Hin und Her war er mit sich steigerndem Eifer und voll Besessenheit beschäftigt, flitzte immer schneller, wurde immer aufgereg-ter, und da ---- bei Aufschnappen eines Kachelhölzchens in einer meisterhaften, piruettenartigen Wende kugelte er herum, verlor mit den Krallen den Halt auf dem geneigten, doch zu glatten Lukendach, rollte abwärts ohne etwas Hemmendes zu finden – und fiel ins Wasser. Platsch!
Während der Fahrt! - Im Schleppzug! - Aus!

Ach, was gab das ein Jammern und Gezeter auf der MAINPERLE, aber Hilfe gab es keine. Einsam schwamm Bobby voller Lebensangst und ohne Orientierung im breiten Rheinstrom zu Tal. Unsere Fahrt ging nach Dampfbootsgesetz einfach weiter, wir konnten nichts Anderes tun, als nach ihm Ausschau halten. Und Ach, auch das noch, die Räderboot, die wir gerade überholt hatten, dampfte in seinem Schwimmkurs. Er trieb geradewegs auf den Bb-Radkasten zu. Das sollte das Ende sein.
Nein, sieh da, er bemerkte instinktiv die Gefahr und paddelte irgendwie, von Todesangst getrieben drum herum, geriet in die Wellen hinter dem Rad – und schwamm tatsächlich noch immer.

Mit dem Glas konnten wir sehen, daß auf einem der Anhänge die Tragödie erkannt wurde und dass ein beherzter Matrose mit dem Nachen während der Fahrt heraus fuhr, Bobby rettete und dann auf dem nächsten Anhang auskam. Verdammt gefährlich, denn es war auf Backbord wo die Schleppstränge liefen. (Damals hatte man noch gelernt, Nachen zu fahren)

Das war also die Rettung. Wir mußten dann nur am Feierabend, als die Schleppzüge vor Anker lagen – man entfernte sich ja im Schleppzug nicht weit voneinander – noch mit unserer Schlupp *) das Stück zu Tal fahren und konnten unseren Bobby wieder abholen. Ein Glück ein wahres Glück!

Nun musste ich natürlich eine Rettungsprämie an den Matrosen zahlen. Es waren 2,30 Mark die ich besaß, und die hatte ich mir mühsam erarbeitet, indem ich an jeder Schleuse in die Schlupp klettern mußte, um den Motor abzustellen und wieder anzulassen. Das war nicht einfach, weil das Anlas¬serritzel von Hand in den Schwungrad-Zahnkranz ein- und bei laufendem Motor wieder ausgeschwenkt werden musste. Für diese Expertentätigkeit bekam ich pro Schleuse 10 Pfennig.

Und da waren er nun hin, der Lohn für eine ganze Bergreise auf dem Main. Aber Bobby war wieder da, und alle freuten sich.

*) Schlupp
Wer heute nicht mehr weiß was das ist:
..ein größerer Nachen, mit einem Motor ausgerüstet, 50 bis 100 PS, der am Steuerbord-Heckpoller mit seinem Steven fest vertäut und gezeist war und so das Schiff schieben konnte. Gesteuert wurde das Schiff mit seinem großen Schleppschiffsruder, das in der Leerfahrt mit einem Seefang verlängert wurde. Die Schlupp war unbemannt, zum Anlassen und Abstellen des Motors musste einer hinunter turnen. Eine Drehzahlverstellung er¬folgte über losen Seilzug (Braunkohle-Endchen). Ein Zurück des Verbandes gab es nicht. Dafür hatte man damals Zeit zum Treiben lassen, oder das Heckanker, das man dann von Hand wieder hoch drehen mußte..

Klaus Schmitt
04.03.2015, 14:22
Bobby 5

Wie Landgänge den Seemann verderben

Bobby wurde erwachsen. Vielleicht ist damit auch gemeint, er wurde geschlechtsreif. Einmal gab es ein großes Getöse von der Schiffersfrau eines Nachbarschiffes, weil Bobby sich über eine weiße Spitz-Dame hergemacht hatte. Die sollte einem vornehmen Stammbaum angehören, der nun wohl verdorben wäre. (...natürlich nur, wenn man darüber redet, was ja die Spitzin selbst nie getan hätte.) Nur - wir mußten eine Abtreibung bezahlen.

Bobby wußte von diesen Kalamitäten aber nichts und hatte nur ein sogenanntes freudiges Schlüsselerlebnis, das sich leicht wiederholen ließ, wenn man nur in die richtige Gesellschaft kam. Dabei war „weiß“ und „Spitz-Dame“ nicht ganz so wichtig. Nur Hühner, die es bei uns an Bord im Herft wohl gab, waren untauglich. Man mußte somit schon den seemännischen Landgang anpeilen.

Den gewöhnte er sich dann auch fix an, und wann immer sich die Möglichkeit ergab, suchte er das Weite. Und manchmal lief er sehr weit hinter lustversprechenden Gerüchen her. So konnten wir ihn einmal, als die MAINPERLE im Würzburger Alten Hafen lag, fröhlich auf der Julius-Promenade promenieren sehen.

In Würzburg ging er oft aus. Einmal aber war die MAINPERLE weggefahren. Unser Bobby suchte und suchte sein Schiff, fand es nicht und setzte sich dann vor dem MSG-Büro vor die Türe. Das wußte er: da mußte der Karl Schmitt ja irgendwann wieder mal raus kommen. Der Schiffer Alfred Müssig, der unseren Bobby kannte, hat ihn dann an Bord des „FAHR WOHL“ genommen und uns nach Ochsenfurt nach gebracht. Da hatten wir ihn wieder.

In Ruhrort einmal traf Mutter beim Einkaufen den lustig streunenden Bobby. Der spazierte keck und munter auf dem Neumarkt herum und als er sie gewahrte, wechselte er einfach frech die Straßenseite. Nein, ein schlechtes Gewissen hatte er dabei nicht.

Einmal lagen wir in Köln außen auf der Mauer am Rheinauhafen. Wir hatten da Sackgut zu löschen. Das dauerte lange, und es war auch ein Wochenende noch dazwischen. So war halt die Schiffahrt damals. - Schön für einen ausgedehnten Köln-Bummel.

Das dachte sich auch unser Bobby und - war weg. (Man könnte sich ihn vorstellen, wie mit weißgestreiftem Dandy-Anzug, Gamaschen, Strohhut und Spazierstöckchen ….) Nach dem zweiten Tag mußten wir ihn ernsthaft als vermisst registrieren. Am dritten Tag gab ich die Hoffnung ganz auf und wettete mit meinem Vater um 50 Pfennig, dass Bobby nicht mehr wieder käme. Mein Vater hielt die Wette – und prompt kam Bobby wieder, schlenderte an Bord, als wenn nichts gewesen wäre. Das Schlimme dabei war nur: Vater nahm die 50 Pfennig auch tatsächlich von mir an und kaufte sich davon eine schöne Zigarre. - So können einen Landgänge ruinieren!

Nun erhielt Bobby ein Halsband und mit einem Braunkohle-Endchen*) wurde er an seine Hütte gebunden, immer wenn ein Landgang sehr reizvoll war, und - wie die Erfahrung lehrte - war das vornehmlich in Städten, in denen es einen Dom gab oder ein Freudenhaus.


*) Braunkohle-Endchen
Wer heute nicht mehr weiß was das ist:
Beim Transport von Briketts von Wesseling gab es Deckslast, die dachförmig mit Deckkleidern abgedeckt werden mußte. Diese wurden an den Rändern mit dünnen Hanfleinen festgezurrt. Diese Leinen, so lang waren sie nicht, wurden Endchen genannt, waren recht stark und gut mit Braunteer konserviert. (Ich weiß heute noch, wie gut die immer gerochen haben.) Diese Endchen waren sehr beliebt, konnte man sie doch an Bord immer brauchen.
In Würzburg mußten die Deckkleider und die Leinen wieder abgegeben werden. Es war alles genau abgezählt.
Also suchte man sich ein älteres Endchen aus, hackte das in zwei Stücke, konnte die registrierte Stückzahl abgeben und ein gutes, neues Endchen blieb aus Versehen im Herft liegen. Ich habe heute noch welche davon.

Klaus Schmitt
05.03.2015, 13:00
Bobby 6


Wie Ruhrort das Ende der Reise war

Viele Schiffsreisen begannen einst in Ruhrort. Viele Schiffsreisen endeten in Ruhrort. Wie viele Schiffe lagen einstmals zwischen diesen Reisen am Luftball, am Homberger Ort, am Schreckling, in der Ruhrmündung, in den Hafenbecken und warteten auf Laden, Löschen, Schleppen, Reparatur. Wie viele Schiffsleute wuselten einst geschäftig durch Ruhrort, um Schiffsreisen abzuschließen, Order und Post zu holen, Schiffsmaterial und Lebensmittel einzukaufen, Leute anzuheuern, Behördengänge zu erledigen, ja, - und auch um sich zu vergnügen. Ruhrort war das Schifferzentrum schlechthin, die Hoffnung der Schiffer, die Sehnsucht der Matrosen, der Sündenpfuhl in den Augen fränkischer Schiffersfrauen. Die Ruhrischen hatten ihren Ruf. (z.B. „Vadder tu die Mutter weg, die Hanieler kumme!“)

Ruhrort im Eiswinter 1955. Auf dem Strom ging nichts mehr. Ruhrort musste als Schutzhafen aufgesucht werden. Auch die MAINPERLE war dabei, lag dort mit vielen anderen Schiffen. Wie günstig, der Landgang war für Bobby unproblematisch. Klar, der wurde dann auch zur täglichen Selbstverständlichkeit. Ruhrort wurde Bobbys Stadt! - Bloß - eines Tages kam Bewegung in die Schiffe. Die MAINPERLE wurde in einen anderen Hafen verschleppt. Und Rohrort war damals noch ein wirklich großer Hafen. Ja, und da konnte nun Bobby seine MAINPERLE nicht mehr finden. Bei dieser Kälte riecht ein Schiff ja auch nicht so stark. Ach, wer weiß, wo er überall herumsuchte. Hungrig, müde, frierend, ausgelaugt und matt. Niemand weiß es.

In bitterer Eiseskälte ist er wohl einsam durch Ruhrort gestrolcht. Wer weiß, was er zu fressen fand. Wer weiß, wo er sich zum Schlafen verkriechen konnte. Wer weiß, wie er sich mit fremden Hunden – und die waren ja frech wie Zuhälter – vertragen konnte.

Einmal wurde er noch gesehen – er war ja bei den Mainschiffern bekannt – da schlich er auf dem Gildenplatz um die Treppe, die zum Puff hinauf führte. (Der etwas teurere). Da hatte schon mal einer, der da eiligst rein wollte, eine halbe Bratwurst weggeworfen. Was soll man auch mit einer halben Wurst im Puff? So macht man dann halt als Streuner mal eine positive Erfahrung und hofft auf Wiederholung.

(Wer das war, der Bobby noch mal gesehen hat, das kann ich nicht sagen. Versteht sich! Ehrenwort!)

Gegenüber jener Treppe war der Pferdemetzger Thieß, wo die Matrosen gern erst mal eine preiswerte Grundlage fanden, bevor sie sich aufmachten, zum Zug durch die Gemeinde. „Lippmann“ *), „Stadt Rotterdam“, und dann, und dann …. ja, da auch, oder da, wo es preiswerter war.

Vielleicht .... ist Bobby ja gar nicht erfroren. ..... Wir haben jedenfalls von Bobby nie mehr etwas gehört und gesehen.

Aber heute noch, in bestimmten kalten Nächten, wenn es sehr windstill ist und ein fahler Mond über Untermeiderich aufgeht, kann man manchmal in der Gegend, wo früher das Weidentor war, noch deutlich ein leises Gekläffe hören, gerade so, wie Bobby immer gebellt hatte, etwas frech und doch ängstlich zugleich. Jeder von der MAINPERLE hätte ihn daran sofort erkannt. Aber die MAINPERLE kommt auch längst nicht mehr nach Ruhrort. Sie verbrachte ihre alten Tage in der Kiesfahrt am Obermain. Nur einmal fuhr sie noch an der Mühlenweide entlang, in Richtung ihrer Bauwerft, - wie ein altersgrauer Aal zur Sargasso-See strebt - auf dem Weg nach Rotterdam zum Abwracken.


*) Hippmann
Wer heute nicht mehr weiß was das ist:
Jeder Schmelzer wurde irgendwann kollegial von den Matrosen dort eingeführt. Das war eines jener Etablissements in Ruhrort, die man als Matrose einfach kennen mußte. Das gehörte sozusagen zur Streckenkunde und wehe, man kam auf die Schifferschule und kannte das nicht.
Berühmt waren auch die „Stadt Rotterdam“ (mit Schwof) und „Zum Anker“ oder wie Insider sagten: bei Tante Olga. (mit Damen, die aber nicht schöner waren als Tante Olga selbst). Natürlich gab es noch viel, viel mehr feine Lokale.

nikomid
05.03.2015, 23:14
schön erzählt, da werden alte Zeiten lebendig die ich selber als Landratte so nie erlebt habe. Manchmal denke ich die Welt wird überall immer ähnlicher und damit langweiliger...

Robinson
05.06.2015, 17:19
Sehr schöne Geschichte! Kommt denn bald wieder eine?

Klaus Schmitt
15.06.2015, 20:10
Ja, die Chronik der MAINPERLE liegt am Ausrüstungskai.
Klaus Schmitt