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Thema: Mannis Döntjes

  1. #1

    Standard Mannis Döntjes

    DER SEELENVERKÄUFER

    Aus der Feder von und in Gedenken an den ehemaligen Fremdenlegionär Helmut Plitzer,verstorben im Februar 2005

    1. Kapitel

    Oktober 1961, es ist kalt, Nebel schwebt über den Landungsbrücken.

    Ich betrete den Heuerstall, der auf dem Berg gegenüber den Landungsbrücken liegt. In dem großen Wartesaal vor den Klappen der Heuerbaase sitzen nur wenige Gestalten, einige schlafen, haben wohl die Nacht auf St. Pauli verbracht. Zigarettenqualm schwebt im Raum. Ich setze mich auf eine Bank und warte. An der Wand mir gegenüber befinden sich drei Schiebefenster mit Milchglasscheiben, dahinter sitzen die Heuerbaase, die den Seeleuten ein Schiff vermitteln.

    Gestern war ich bei der Seeberufsgenossenschaft beim Arzt, meine Gesundheitskarte war abgelaufen; alle zwei Jahre braucht ein Seemann eine neue Karte von der SBG, sonst bekommt er kein Schiff. Warum sind in der Wand drei Fenster? fragen mich jetzt die Leser, ja, weil es an Bord drei Berufsgruppen gibt. Die 1. Gruppe ist das Deckspersonal, vom Moses bis zum Bootsmann, 2. Gruppe Maschinenpersonal, vom Maschinenjungen bis zum Storekeeper, 3. Gruppe, Küchen- und Bedienungspersonal, vom Messe- und Kochsjungen bis zum Chefkoch und Chefsteward. So ist das, kapiert?

    Es ist verdammt ruhig hier heute, man hört kein Telefon klingeln, das ist kein gutes Zeichen. Wenn das Telefon klingelt, ist es eine Reederei, die Personal für ihre Schiffe sucht. Der Seemann, der sein Schiff verlassen will, das nennt man Abmustern, muss 48 Stunden vor Einlauf des Schiffes in den Heimathafen kündigen, der Funker an Bord meldet es dann sofort der Reederei, und die gibt es dann an den Heuerstall weiter, dass sie Personal für ihr Schiff braucht. So werden Liegezeiten vermieden, denn jeder Tag im Hafen kostet viel Geld. Heute für ein 80.000 Tonnen Containerschiff so ungefähr 30 -40 Tausend Euro pro Tag.

    Also warte ich, dann brummt der Lautsprecher im Raum, ein Leichtmatrose wird gesucht, Große Fahrt. Ich stehe auf und gehe zum Schalter und stelle mich dort auf, das Seefahrtsbuch in der Hand, voller Erwartung. Die anderen Gestalten rühren sich nicht. Hinter der Klappe ein Rumoren, und dann wird das Fenster zu Seite geschoben, und wer erscheint? Max. Max ist der Heuerbaas für das Deckspersonal, ein Schlitzohr sondergleichen, er entscheidet für Monate dein Wohlergehen, denn er vermittelt dich an Bord. Max ist über 30 Jahre im Geschäft und soll auch schon mal ein blaues Auge eingefangen haben, weil er einen Sailor auf den falschen Dampfer geschickt hat. Er schaut mich an, nimmt mein Seefahrtsbuch, schiebt das Fenster wieder zu und lässt mich warten.

    Nach 10 Minuten ist er wieder da, du kannst einsteigen, sagt er zu mir, du musst aber nach Rotterdam, dort liegt der Dampfer, du musst heute noch fahren. Wo es hingeht, will ich wissen; nach Südamerika, murmelt er nur, willst du? Ich nicke. Er schiebt das Fenster wieder zu.

    Toll denke ich, Südamerika warst du noch nicht. Ich denke an Rio und die schönen Mädchen dort, ich bin 17 Jahre alt, da ist das doch verständlich, oder? Ich muss an meine Oma denken, ich bin ja erst vor 14 Tagen wiedergekommen, aus Afrika, 9 Monate war ich weg gewesen und nun will ich schon wieder weg. Opa wird es freuen, er sagt immer, laß dir den Wind um die Nase wehen, Junge. Die Klappe geht wieder auf und Max gibt mir mein Seefahrtsbuch und einen Zettel fürs Reisebüro von Hapag, das ist direkt in den Landungsbrücken. Hier soll ich mir die Fahrkarte nach Rotterdam holen, die bezahlt ja die Reederei. Als ich gehe, grinst er mich so blöde an, na, denke ich, wenn das man gut geht, ich hatte viele Geschichten von Max gehört an Bord, jeder Seemann kannte eine Story. Ich schaue ins Seefahrtsbuch, Reederei Frigga, Erzfrachter, 6000 Tonnen. Ba, das ist doch was, denke ich und mache mich auf den Weg zum Reisebüro.

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    2. Kapitel

    Als ich da noch so vor dem Heuerstall stehe und mein Seefahrtsbuch in den Mantel stecke, kommt ein blonder junger Mann auf mich zu, na auch nach Rotterdam? fragt er mich, wieso, du auch ? Ja, meint er, als Messesteward auch auf die "Baldur", so hieß das Schiff der Reederei Frigga, deren Schiffe hatten alle Namen von nordischen Göttern. Wir gehen zusammen zum Reisebüro an den Landungsbrücken, sind ja nur fünf Minuten dorthin. Unterwegs erzählt mir Otto, so heißt er, daß er 19 Jahre alt ist und schon 4 Jahre zur See fährt, er wohnt in Hamburg - Barmbek. Ein Messesteward bedient die Offiziere, Ing's, Assis, und den Elektriker an Bord, er serviert ihnen das Essen und ist für die Reinigung der Kammern zuständig, meistens hat er noch einen Messejungen zur Hilfe, also einen Lehrling, der auch einmal Steward werden will. Bei der Frachtschifffahrt kann der Messesteward dann noch zum Salonsteward aufsteigen. Dann bedient er nur den Kapitän, den 1.Offizier und den Chief, den 1.Ing., manchmal auch noch ein paar Passagiere, die eine Reise auf einem Frachter machen, dann hat er noch einen Salonjungen zur Hilfe. So, das war eine Lektion in der Bordhierachie.

    Im Reisebüro von Hapag bekommen wir unsere Fahrkarten, nachts um 1.00 Uhr soll der Zug nach Rotterdam gehen. An den Landungsbrücken gehen wir noch ein paar Bier trinken und unterhalten uns ein wenig über unsere bisherigen Reisen. Es wird Zeit, ich muss ja noch nach Harburg, wir fahren mit der Bahn gemeinsam zum Hauptbahnhof und verabreden uns für 0.30 Uhr auf Gleis 10, von hier soll unser Zug nach Rotterdam gehen.

    Mit gemischten Gefühlen fahre ich nach Hause, was Oma wohl sagt? Ich bin ja ihr einziger Enkel und der fuhr auch noch zur See, so hatte ich mich ihren Klammergriff entzogen. Meiner Mutter war das egal, Oma hatte nach meiner Geburt das Regiment an sich gerissen, mein Vater war aus dem Krieg nicht zu uns nach Hause zurück gekehrt, meine Mutter ging Arbeiten und Oma übernahm meine Aufzucht. Meine Mutter war mehr eine große Schwester für mich, sie konnte sich nie der Dominanz ihrer Mutter erwehren, erst nach ihrem Tod hatten wir ein besseres Verhältnis.

    Zu Hause angekommen fällt Oma aus allen Wolken, ihr "Goldi", so nennt sie mich immer, will sie schon wieder verlassen, ich verziehe mich in mein Zimmer, um den Seesack zu packen. Mein Opa ist seit einem Jahr Rentner, er hatte 50 Jahre im Hamburger Hafen gearbeitet, er kennt jede Reederei und auch fast jedes Schiff. Die "Baldur" kennt er nicht, denn Erzfrachter kommen nicht nach Hamburg, wozu auch, Hamburg hat kein Stahlwerk, das Erz geht meistens nach Rotterdam und wird dort auf Binnenschiffe oder Güterwagen umgeladen und geht dann von dort ins Ruhrgebiet zu den Stahlkochern.

    Oma knurrt vor sich hin, kommt aber mit meiner frisch gewaschenen Wäsche und legt sie aufs Bett, dabei sieht sie mich immer an und schluchzt. Ich muss innerlich lachen, sie zieht diese Show jedes Mal ab mit mir. Der Seesack ist schnell gepackt, Wäsche, alte Arbeitsjeans, Pullover, Socken, Badehosen, die sind wichtig. Freizeithemden und Jeans, die Jeans habe ich mir von der letzten Reise mitgebracht, auch aus Rotterdam, von einem Schiffshändler, 10 Gulden das Stück, zollfrei natürlich, echte Levis, meine Freunde in Harburg beneiden mich darum, hier sind si

    e sauteuer. Waschzeug noch und fertig.

    Nun kommt die Henkersmahlzeit mit Oma, es gibt Grünkohl, den ersten in diesem Jahr, wir hatten früh den ersten Frost. Natürlich erzähle ich ihr nicht, dass mein Schiff nie nach Hamburg kommt, aber es ahnt auch niemand, dass wir uns schon in 5 Wochen wiedersehen werden. Um 20.00 Uhr halte ich es nicht mehr aus, ich habe nicht erzählt, wann der Zug fährt, und so flunkere ich ein bisschen und verabschiede mich von den meinen und ziehe, den Seesack über die Schulter, Richtung Bahnhof Harburg.

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    3. Kapitel

    Gott sei Dank ist der Weg nicht weit, ca. 10 Minuten. Damals fährt noch keine S-Bahn nach Hamburg, und ich muss in einen Personenzug steigen, um zum Hamburger Hauptbahnhof zu kommen. Die Fahrt dauert knapp 20 Minuten, dann bin ich am Ziel, Mensch, denke ich, noch viel Zeit, was tun? Ich gebe den Seesack zur Aufbewahrung und gehe ins AKI-Kino, ist direkt am Bahnhof, man bezahlt einmal und kann so lange drinnen bleiben wie man will, Filme und Wochenschau rund um die Uhr. So vergeht die Zeit und um 0.00 Uhr verlasse ich das Kino, hole den Seesack und gehe zum Bahnsteig.

    Otto ist schon da, er hat seine Eltern mitgebracht, er stellt mich vor und gemeinsam warten wir auf unseren Zug. Mensch, ist der Bahnsteig voll, wollen die alle nach Rotterdam? Man gut, dass wir Platzkarten haben. 2. Klasse Raucher, Wagennummer 379. Da sehe ich, dass der Zug zum Hoek van Holland geht, von hier geht die Fähre nach England, deshalb sind so viel Menschen hier, die wollen nach England.

    Der Zug ist pünktlich und wir steigen ein, zwei Fensterplätze, das ist gut, obwohl man ja Nachts nichts sieht, aber wegen der frischen Luft. Der Zug fährt ab und los geht es Richtung Rotterdam. Die Fahrt selber ist ereignislos, morgens gehen wir zum Frühstücken in den Speisewagen, und um 9.00 Uhr kommen wir in Rotterdam an. Mit dem Taxi fahren wir zum Hafen, dem größten Europas, wir haben von Max die Adresse vom Schiffsagenten bekommen, das ist so üblich, dort sollen wir uns melden und er wird uns dann zum Schiff bringen. Der Agent ist ein netter alter Herr, er schickt einen jungen Mann raus, der die Taxe für uns bezahlen muss, ging ja auf Kosten der Reederei.

    Er bietet uns Kaffee an, denn wir müssen noch eine Stunde warten, er will mit an Bord. Das Schiff liegt nicht am Kai, sondern schon in der Mitte des Hafenbeckens an den Pfählen, sagt er uns, der Dampfer ist gelöscht und soll am Mittag auslaufen, nach Brasilien, aber nicht nach Rio, sondern nach Viktoria, ein ganz kleiner Erzhafen irgendwo fern ab von Rio.

    Endlich ist es soweit, wir steigen in seinen Wagen und los geht die Fahrt zum Hafenbecken. 20 Minuten dauert die Fahrt, dann erreichen wir unser Ziel. Am Kai liegt eine Barkasse, die soll uns an Bord bringen. Wir steigen mit unseren Seesäcken ein und legen von der Pier ab. Die "Baldur" liegt mitten im Hafenbecken, jetzt wo sie leer ist, wirkt sie besonders groß. Je näher wir dem Schiff kommen, umso größer wird es. Es sieht imposant aus, ist gut in Farbe. Eine Gangway hängt außen Bords und hier legt der Barkassenschipper an. Wir schnappen unsere Seesäcke und gehen an Bord, ich habe ein komisches Gefühl und Otto sieht auch nicht gerade glücklich aus. Warum sollen wir bald erfahren.

    Da stehen wir nun unten auf der Gangway, ziemlich steil das Ganze, denke ich so. Plötzlich erscheint oben auf der Gangway ein Kind, ein Kind mit einer schwarzen Hose und einem weißem Hemd bekleidet. Kinder an Bord? Wo gibt es denn so etwas, außer der "Alte" hat seine Familie an Bord, das passiert manchmal. Otto schwingt seinen Seesack auf den Buckel, ich tue es ihm nach und rauf gehts den steilen Weg an Bord. Den Agenten haben wir in die Mitte genommen, falls er ins Stolpern kommt, könnten wir ihn noch auffangen. Otto kommt oben an, er dreht sich nach uns um, dabei bekommt das "Kind" seinen Seesack an den Kopf und fliegt in die Ecke. Als ich oben ankomme, rappelt es sich gerade wieder auf und dann sehe ich das "Kind", es ist ein Liliputaner und er ist, wie sich später herausstellt, der Chefsteward an Bord.

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    4. Kapitel

    Otto und ich sehen uns vielleicht blöde an. Das habe ich noch nie gesehen, diese bedauernswerten Menschen kannte ich bisher nur aus dem Zirkus, aber bei der christlichen Seefahrt? Unvorstellbar aber wahr. Geert, so heißt der Knabe, ist auch wohl der einzige seiner Art bei der Seefahrt. Das Dumme ist nur, er ist Ottos Chef an Bord und er sieht nach dem Stoß, den er mit Ottos Seesack erhalten hat, gar nicht glücklich aus. Er zischt Otto ein paar "freundliche" Worte zu und dann verschwinden die beiden im Schiff.

    Mich nimmt der Bootsmann in Empfang und schickt mich nach Achtern, wo unsere Kabinen liegen. Der Decksmoses zeigt mir meine Kabine, ich habe die unterste Koje, ein Jungmann schläft über mir. Auf der Koje befindet sich nur eine Matratze, ein Kopfkeil und zwei Wolldecken. Ich frage ihn nach Bettwäsche und er schüttelt zu meiner Verwunderung seinen Kopf, gibt es nicht, hättest du mitbringen müssen. Ich bin total perplex, so etwas habe ich bei der Seefahrt noch nicht erlebt, keine Bettwäsche, auf dem Heuerstall hatte man uns nichts gesagt und nun stehe ich ohne da. Was nun?

    Otto muss Abhilfe schaffen, er ist ja schließlich Messesteward, die Offiziere würden ja wohl bezogene Betten haben, mal sehen. Ich räume meinen Spind ein und ziehe gleich meine Arbeitsklamotten an. Nachher soll ich zum "Alten" kommen, er würde mich an Bord begrüßen und mir die üblichen Verhaltensmaßregeln erklären. Gleich ist Mittag, mal sehen wie der Koch ist, mit ihm steigt und fällt die Moral an Bord. Der Moses zeigt mir alles, Dusche, Toilette, einen Raum mit einem Ungetüm von Waschmaschine, wo man seine Wäsche waschen kann. Kannte ich auch nicht, auf meinen anderen Schiffen gab es Max den Wäscher. Max war immer ein Hongkong-Chinese, der für die gesamte Wäsche an Bord zuständig war. Er wusch und bügelte für jeden, dafür wurden einem dann ein paar Mark von der Heuer abgezogen.

    Ich frage den Moses dann nach dem Einkaufstag an Bord, man füllt zweimal die Woche einen Zettel aus, was man begehrt, Zigaretten, Schnaps, Rasierwasser, alle Toilettenartikel, und übergibt sie dann dem Steward. Am Abend kann man seine Sachen abholen. Getränke kann man immer beim Steward holen, Bier, Cola, Brause u.s.w. Er schreibt alles in ein Buch, und am Ende der Reise, wenn die Heuer ausbezahlt wird, dann geht man zum Steward und bezahlt, der setzt dann seine Unterschrift, dass du bezahlt hast, unter einen Laufzettel, und dann bekommst du erst dein Seefahrtsbuch und kannst von Bord gehen, vorher nicht.

    Ist ja auch nicht mehr als Recht, oder? Aber es ist alles billig, denn die Waren sind ja alle zollfrei. Damals eine Stange Ami-Zigaretten 4 DM, eine Flasche Whiskey, 1 Liter, 3 DM. Eine Schachtel Bier, 24 Flaschen, 3 DM, also alles sehr preiswert. Aber hier auf der Baldur ist alles anders, hier macht der Kapitän den Verkauf, außer Getränke, das ist ja ein Hammer, das habe ich noch nie erlebt. Dann erfahre ich, dass der Einkauf auch nur einmal die Woche stattfindet und der Steward die Order hat, pro Mann nur zwei Flaschen Bier am Tag, was soll das denn? Warum das so ist, soll ich noch erfahren.

    Dann noch ein Schock, Otto und ich sind die einzigen Hamburger an Bord, die gesamte Besatzung besteht aus Ostfriesen, waschechten Ostfriesen, vom Kapitän bis zum Moses. Was das bedeutet, soll ich noch schmerzlich erfahren. Die Ostfriesen unter euch mögen es mir verzeihen, aber es ist die Hölle. Ich tanze also beim Alten an, höre mir das ganze Theater an und nehme gleich die Gelegenheit zum Einkauf wahr; weil ich neu an Bord bin, macht er eine Ausnahme. Mit 2 Stangen Pall Mall und einer Flasche Scotch ziehe ich ab, man weiß ja nie.

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    5. Kapitel

    Es ist Mittag, es gibt eine Vorsuppe, Rinderbraten, Rosenkohl, als Nachtisch Schokoladenpudding mit Vanillesoße, nicht schlecht für den Anfang. Der Bootsmann stellt mich den anderen Seeleuten vor, sie sehen mich an, aber keiner sagt ein Wort. Es ist ein komisches Volk, Riesenkerle, mit Händen wie Tellerminen, später erfahre ich, dass fast alle aus der Küstenfischerei kommen, also alles Schwerstarbeiter, und so sehen sie auch aus. Ich weiß sofort, das wird nichts an Bord, hier mache ich nur eine Reise mit, hier gefällt es mir nicht.

    Ich werde für die Vier-Acht Wache eingeteilt, da habe ich ja etwas Glück, von 4-8 hat man Dienst auf der Brücke, also zweimal am Tag. Die Zeit von 8.00 am Morgen bis zum Nachmittag kann ich zutörnen; wenn ich an Deck arbeite, sind das alles Überstunden, mehr kann man nicht verdienen. In der Regel arbeitet man bis um 15.00 Nachmittags und bereitet sich dann für die Brückenwache von 16.00-20.00 Uhr vor. Dann muss man wieder morgens von 4.00-8.00 Uhr auf der Brücke erscheinen, danach wieder bis 15.00 Uhr zutörnen. So läuft das an Bord. Wir sollen um 14.00 auslaufen, der Bootsmann teilt mich für Achtern ein. Wenn man keine Wache hat, wird man für eine Gruppe eingeteilt, die den Dampfer festmachen im Hafen, also Vorn und Achtern. Beim Verlassen des Hafens ist es genau so.

    Pünktlich um 14.00 Uhr verlassen wir den Hafen von Rotterdam, von meinen neuen Kollegen hat noch niemand ein Wort mit mir gesprochen. Ich führe die Befehle des 2. Offiziers, der für Achtern zuständig ist, aus und fertig, es ist ja auf jedem Schiff das gleiche. Leinen einholen und aufschießen und fertig. Um 15.00 gibt es Kaffee, heute ist Donnerstag, also Seemannssonntag, da gibt es Kuchen. Donnerstag ist Seemannsonntag, ist man dann auf See, gibt es einen Urlaubstag extra, am Morgen frische Brötchen, vom Kochsmaat, der meistens Bäcker gelernt hat, frisch gebacken und Kuchen am Nachmittag. Früher gab es nur am Donnerstag und am Sonntag frische Brötchen. Heute, mit den Tiefkühlbrötchen, jeden Tag. Aber hier gibt es nicht nur Kuchen, sondern auf jeder Back, das ist der Tisch in der Messe, steht ein Stapel mit Pfannenkuchen und ein großes Glas mit Sirup, ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus, aber Ostfriesen sind nun mal Liebhaber von Pfannkuchen und Sirup.

    Ich schaue sehr skeptisch dem Treiben hier zu. Nach dem Kaffee gehe ich duschen und mache mich für den Dienst auf der Brücke fertig, um 16.00 beginnt meine erste Wache auf der Baldur.

    Ja, es ist kurz vor 16.00 Uhr, mein Dienst auf der Brücke beginnt, noch machen wir Revierfahrt, der Lotse ist noch an Bord. Ich steige also zur Brücke auf, öffne die große Schiebetür und melde mich beim 1. Offizier, er hat mit mir die 4-8 Wache. Er weist mich an, den Rudergänger abzulösen, der Rudergänger, auch ein Leichtmatrose, gibt mir den Kurs an, und nun stehe ich am Ruder. Die Kommandos kommen vom Lotsen, der gibt sie auf englisch an den 1. 0ffizier und der gibt sie mir in Deutsch weiter. Der Lotse ist immer nur ein Berater an Bord, der aber das Fahrwasser genau kennt. Dass ich Befehle nur vom diensthabenden Offizier entgegennehme, hat mit dem Seerecht zu tun.

    Wir haben ungefähr noch 2 Stunden Revierfahrt, bis die Nordsee erreicht ist, dann geht der Lotse von Bord und von nun an bestimmen die Seekarten den Kurs, erst geht es durch den Ärmelkanal, dann in die Biskaya und dann über den Atlantik nach Brasilien. Erst wenn wir denn Atlantik erreicht haben, wird niemand mehr am Ruder stehen, dann wird die Automatic eingeschaltet, das Schiff fährt dann auf dem eingegebenen Kurs weiter. Ich werde dann nur auf der Brücke stehen, um auf Schiffe zu achten, die unseren Weg kreuzen.

    Immer ein Offizier und ein Matrose gehen Wache. Von 8-12 Uhr, von 12-16.00 Uhr, von 16-20.00 Uhr, immer so weiter. Man hat also 2x Dienst auf der Brücke, für mich ist das die schönste Zeit, der Sonnenaufgang am Morgen und der Sonnenuntergang am Abend, dann die Ruhe an Bord, einfach schön. Aber jetzt ist es hektisch, alle 2-3 Minuten kommt ein Kommando, "Ein Strich Steuerbord" das muss ich dann laut wiederholen. Hinter mir im Kartenzimmer spuken der Kapitän und der 2. Offizier herum, der 2. Offizier ist für die gesamte Reise für die Seekarten zuständig, er hat sie immer für den nächsten Tag bereit zu legen und notfalls zu aktualisieren.

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  2. #2

    Standard

    Weiter gehts...

    6. Kapitel

    Nun hat Geert der Chefsteward seinen Auftritt, er bringt ein großes Tablett mit Kaffee auf die Brücke, er schleppt ein Riesentablett, der kleine Kerl. Die großen Mucken, den Kaffee, Milch und Zucker für alle, die auf der Brücke sind, auch für mich. Das wurmt den Steward immer, dass er auch uns Matrosen bedienen muss, sonst sieht er uns mit dem Arsch nicht an, aber hier geht es nun mal nicht anders. Er stellt die Muck Kaffee neben mich hin und verschwindet wieder von der Brücke.

    Es ist dunkel geworden, auf der Brücke ist nur noch das Licht des Radars und von meiner Ruderanlage zu sehen, sonst ist es dunkel. Man sieht die beleuchteten Bojen und Baken voraus an Backbord und Steuerbord und steuert präzise zwischen ihnen durch, immer gefasst auf ein Kommando. Aber die ganze Revierfahrt verläuft nach Plan, und so gegen 18.00 Uhr geht der Lotse von Bord, der Alte und der 2. Offizier verschwinden, ab jetzt sind nur noch der 1. Offizier und ich auf der Brücke, wir sind jetzt im Ärmelkanal. Toll, wir haben gutes Wetter, wenn hier Nebel herrscht, dann ist die Hölle los an Bord, dann sind alle Auskucks besetzt, auf der Brücke ist zusätzliches Personal, um nach Schiffen auszuschauen. Der Ärmelkanal ist die meist befahrene Wasserstrasse der Welt, aber heute ist eine sternenklare Nacht und gute Sicht.

    Der Alte hat noch einen Jungmann auf die Brücke geschickt, der steht jetzt an Backbord in der Nock und macht einen zusätzlichen Ausguck, sicher ist sicher. Der 1. Offizier ist auch ein Ostfriese, ein Muffelkopp, er spricht kein Wort mit mir, nur seine scharfen Kommandos tönen durch die Brücke, wenn das die ganze Reise so geht, dann gute Nacht, das kann ja langweilig werden. Um kurz vor 20.00 Uhr kommt meine Ablösung, wurde auch Zeit, ich habe Hunger, ich muss ja noch Abendbrot essen. Der Moses hat mein Essen warm zu halten, bis ich von der Wache komme.

    Aber erst einmal mache ich mich auf den Weg zu Otto, wegen der Bettwäsche, die ich nicht habe. Otto sitzt ganz allein in seiner Messe, er hat Feierabend. Er ist schön wütend, hier ist es genau so wie bei uns Achtern, niemand spricht ein Wort, erzählt er mir, alles sture Ostfriesen. Als er das mit der Bettwäsche hört, schüttelt er nur den Kopf, so etwas hat er auch noch nicht erlebt, und er fährt ja schon ein paar Jahre zur See. Er geht zur Wäschekammer und besorgt mir alles, Kopfkissenbezug mit Kissen, Bettbezug und noch ein Bettlaken, dazu noch diverse Handtücher. So ausgerüstet schleiche ich mich nach Achtern in meine Kammer und beziehe erst mal meine Koje. Der Moses sitzt ganz allein in der Messe über ein Buch mit Knotenkunde gebeugt, als ich eintrete. Er gibt mir mein Essen, und ich frage nach den anderen Seeleuten. Die liegen alle in der Koje, sagt er, das ist hier nun mal so, kein gemütliches Beisammensitzen am Abend, na, das kann ja heiter werden. Um 20.00 Uhr in der Koje, was sind das denn für Seemänner?

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    7. Kapitel

    Nun beginnt der tägliche Trott an Bord, Wache, Zutörnen, Wache, Schlafen. Nee, das ist nichts für Oma Linas Enkel.
    Kaum ein Seemann spricht mit mir, und wenn, verstehe ich sie kaum. Untereinander sprechen sie nur Ostfriesisch oder wie sie ihre Sprache nennen mögen. Dann die Vornamen, Enno, Onno, Wiehan, mein Gott, wo bin ich nur gelandet. Wir haben inzwischen die Biskaya verlassen und befinden uns auf den Weg nach Südamerika, im Atlantik. In einigen Tagen werden wir die Azoren passieren, die Wettergrenze. Die neun kleinen Inseln, die wie Blumentöpfe aus dem Meer ragen. Bis jetzt ist uns das Wetter ja hold geblieben, das war aber nicht immer so. Bei einem Orkan sank Mitte der siebziger Jahre die "München" mit Mann und Maus. Keiner hat die Katastrophe überlebt.

    Wir sind leer, wenn so ein 6000 Tonner ins Rollen kommt, dann gute Nacht. Die Brücke ragt jetzt fast 40 Meter von der Wasserline entfernt in die Höhe. Wir haben alle vier großen Luken geöffnet, die Luken sollen austrocknen. Es sind McGregor-Luken, sie öffnen sich wie eine Ziehharmonika, ist supermodern. Komme ich am Morgen von der Wache, dann nehme ich mein Frühstück in Ruhe ein und gehe, nachdem ich mich umgezogen habe, zu den anderen an Deck um zu arbeiten. Meistens ist es Rostklopfen und Pinseln. Mancher Topf Farbe verdeckt die Rostflecken an Deck.

    Punkt 10 Uhr lassen alle an Deck ihre Arbeitsutensilien fallen, Pause. Egal wo sich ein deutsches Schiff befindet, um 10 Uhr ist Pause, auf allen Weltmeeren. In den Tropen gibt es dann einen großen Eimer mit eisgekühlten Fruchtsaft, hier komme ich nun aus dem Staunen nicht mehr raus. Der Moses hat neben der Luke Vier, die Achtern ist - unser Schiff hat 4 große Luken - ein Tablett mit Teetassen, Kandis und Sahne aufgebaut, dazu ein riesiger Berg von Pfannkuchen und ein Glas Sirup. Das habe ich bei der Christlichen Seefahrt noch nicht gesehen, Teatime um 10.00 Uhr, und das auf einem deutschen Schiff. Was soll ich machen? Ich habe Durst und muss wohl oder übel auch Tee trinken. Habe ich mich nie dran gewöhnen können.

    Der Bootsmann fragt mich so nebenbei, ob ich schon die Äquatortaufe hinter mir habe, ich verneine. Er grinst, dann wirst du in ca. 10 -12 Tagen die Taufe erhalten, sagt er mir und grinst irgendwie pervers dabei, warum soll ich bald erfahren. Mit mir sind noch 6 Leidensgenossen dabei, denn die "Baldur" hat die letzten Reisen immer nur nach Narvik gemacht, und so sind einige Seeleute noch nicht getauft worden. Ich habe zwar einiges über die Taufe gehört, tue aber vieles als Seemannsgarn ab.

    Nach fast 3 Tagen erreichen wir die Azoren, ich habe gerade 4-8 Wache. Es ist so in der Morgendämmerung, als ich das Leuchtfeuer am Horizont aufblitzen sehe; der 1. Offizier erzählt mir, das es von der Insel Flores stammt. Die Azoren gehören zu Portugal und sind so um 1427 von den ersten Portugiesen besiedelt worden. Jahrhunderte lang haben sie sich vom Walfang ernährt und von ein bisschen Landwirtschaft. Es wird fast einen halben Tag dauern, bis wir die Azoren, die an Backbord liegen, passiert haben; man merkt es, dass wir langsam in ein anderes Klima kommen, es wird von Tag zu Tag wärmer. Ich freue mich schon darauf, mit kurzen Hosen und nacktem Oberkörper an Deck arbeiten zu können, in Deutschland hatten wir ja schon Frost, es ist Anfang November.

    Kurz vor Mittag sehe ich sie dann, das erste Mal in meinem Leben: Wale, fünf oder sechs Stück. Der Bootsmann erklärt es mir, weil ich so mit offenen Mund da stehe, es sind Pottwale, die Azorianer jagen sie in ihren kleinen nur 8 Meter langen Booten. Ein Harpunierer steht dabei am Bug des Bootes, die fertige Harpune in der Hand, während die Ruderer versuchen, so dicht wie möglich an den Wal zu kommen, ein lebensgefährliches Unterfangen für die Bootsmannschaft. Aber immer noch besser, als von einem Walfänger gejagt zu werden, hier hat der Wal noch eine Chance zu entkommen. Wie schon gesagt, wir schreiben das Jahr 1961, vom Schutz der Wale ist man noch weit entfernt. Aber meine Wale hier schwimmen friedlich ihres Weges. Die Pottwalbullen können über 20 Meter lang werden und wiegen dabei über 60 Tonnen, die Weibchen werden nur 12 Meter lang und wiegen selten mehr als 15 Tonnen. Es müssen 3 Bullen und zwei Weibchen sein, die uns hier begleiten. Plötzlich sehe ich, wie ein Bulle sich aus dem Wasser empor schnellt, fast seine ganze Körperlänge schießt in die Höhe und mit einem lauten Klatscher schlägt er dann auf dem Wasser auf; die anderen Bullen tun es ihm gleich, es ist wohl der Kampf um die Weibchen entbrannt. Ich habe so etwas nur noch einmal gesehen, aber es hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt, ich liebe diese Tiere.

    Am Abend haben wir die Azoren passiert, das Leuchtfeuer versinkt endgültig am Horizont hinter uns. Nach einer Woche ist es dann soweit, wir können endlich mit kurzen Hosen arbeiten, ich habe keine, schneide aber bei meiner ältesten Jeans einfach die Beine ab. Der Zimmermann hat zwischen Luke 3 und Vier ein großes Gestell aus starken Kanthölzern gebaut, ich habe ihm dabei geholfen. Heute legen wir ein wasserdichtes Persenning in das Gestell, dann holen wir den großes Wasserschlauch und füllen das Bassin mit Seewasser, wir haben unseren eigenen Swimmingpool. Der wird auch in der Mittagspause und am Abend immer ausgenutzt. Aber er hat auch noch eine andere Bewandtnis, die Taufe steht bevor, ich ahne nichts gutes, und meine Ahnung soll mich nicht getäuscht haben.

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  3. #3

    Standard

    Und nochn büschn...

    8. Kapitel

    Heute ist ein Samstag, es wird nur bis Mittags gearbeitet. Nur die Wachen an Deck und in der Maschine sind auf ihren Posten. Nach dem Duschen gehen wir alle zu Tisch, meine braven Ostfriesen stecken ihre Köpfe zusammen und tuscheln die ganze Zeit. Ich verstehe natürlich nichts, aber hier ist was im Busch, so aufgeregt habe ich sie ja noch nie erlebt. In den Kammern ist es jetzt schon sehr warm, nach dem Essen holen wir uns eine Decke und legen uns an Deck in die Sonne, gehen in den Pool oder verziehen uns unter das Sonnensegel. Überall sind jetzt Sonnensegel gespannt, hier findet man den nötigen Schatten. Ich habe mir von einem Assi, das sind angehende Ings, ein Buch geliehen und verziehe mich Achtern unter das große Sonnensegel.

    Der Samstag verläuft ereignislos, bis um 19.00 Uhr ein großes Geschrei an Deck ausbricht. Ich sitze noch in der Messe und flitze an Deck, ich denke hier wäre etwas passiert, aber mir stockt der Atem: von Mitschiffs her kommt eine Prozession, angeführt von einer Frau, einer Frau? Wo kommt die denn plötzlich her? Dann sehe ich genauer hin, und sehe, dass es ein Matrose ist, er hat Bettlaken um den Körper geschlungen, wie ein Römer seine Toga, er hat eine blonde Perücke auf und ist geschminkt. Rote Lippen, Wangenrot, der sieht richtig gut aus. In ihrem Gefolge befindet sich allerlei Volk, Wassermänner und Nixen, einer hat sich als Apotheker verkleidet. Es soll Neptuns Frau, die Thetis mit ihrem Gefolge sein. Auf Luke 3, die inzwischen wieder geschlossen ist, alle Luken sind wieder geschlossen, wird ein Thron für Neptuns Frau aufgebaut und nun müssen alle Täuflinge erscheinen.

    Plötzlich gibt es auch eisgekühltes Bier, überall erscheinen die Flaschen aus der Versenkung, die Stewards und auch die Kombüse haben vorgesorgt; von wegen 2 Flaschen Bier am Tag, nun fließt es in Strömen. Jeder von uns Täuflingen wird nun aufgerufen, und wir müssen einzeln vortreten. Inzwischen ist es dunkel geworden, aber der Elektriker hat vorgesorgt, plötzlich leuchten von überall bunte Schein

    werfer auf und die ganze Szene wird bunt beleuchtet, wie bei einer Theateraufführung.

    Als ich vortreten muss, werde ich mit dem Namen "Der vorlaute Feudelschwinger" aufgerufen, ich habe mal eine Schüssel Suppe in der Messe umgestoßen und musste dann das ganze unter dem Gelächter der anderen Seeleute beseitigen, daher kommt der Name. Es wird mir eröffnet, dass ich mich morgen früh um 9.00 Uhr vor dem Trockenraum des Schiffes einzufinden hätte, nur mit Badehose bekleidet. Die anderen Täuflinge bekommen die gleiche Order. Nun ist dieser Teil erledigt, und nun kreisen die Bierflaschen, der Elektriker hat ein Tonband angeschlossen und Lolita plärrt "Seemann, lass das Träumen, denk nicht an zu Haus.." Es wird ein gemütlicher Abend, zumal die Jungs mal so richtig auftauen, nun sprechen alle mit mir, auch die Offiziere und die Ings sind dabei, auch der Kapitän ist an Deck. Ich verschwinde rechtzeitig, denn ich muss um 3.30 ja aufstehen, um auf Wache zu gehen.

    Die Wache am Morgen verläuft ohne Zwischenfälle. Ich werde abgelöst und gehe zum Frühstücken in die Messe. Onno, ein alter Matrose, gibt mir den Tipp, nicht soviel zu essen, warum weiß ich nicht, aber ich bin vorsichtig und esse nur ein Brötchen, keine Rühreier oder Bratwürstchen. Kurz vor 9.00 Uhr gehe ich unter Deck zum Trockenraum, man merkt, dass wir die Tropen erreicht haben, es ist schon ganz schön heiß. Der Trockenraum ist ein Raum zum Wäschetrocknen, nur mit Wäscheleinen ausgerüstet und an den Wänden große Heizkörper. Ein Bullauge ist nicht vorhanden.

    Plötzlich tauchten 3 düstere Gestalten auf, Seeteufel, mit Seetang in den Haaren, stellt sich als Putzwolle heraus, die Körper der Teufel sind dick mit Staucherfett beschmiert, sie kommen auf uns zu, umarmen uns und treiben uns in den Trockenraum. Rumms, die Tür ist zu und wird verriegelt. Es ist unheimlich heiß hier drinnen, die Blödmänner haben die Heizungen angestellt, man kann sie aber nicht abdrehen, man hat die Räder zum Regulieren der Heizung entfernt. Eine Sauna ist gar nichts dagegen.

    Nach ungefähr 20 Minuten wird der Riegel zurückgeschoben und ich werde als erster aufgerufen. Ich werde von den Seeteufeln an Deck geführt, wobei sie mich immer umarmen, ich sehe inzwischen fast so aus wie sie, von oben bis unten voll mit Fett beschmiert. Diesmal hat man den Thron auf Luke 4 aufgebaut, darauf sitzt nun Neptun, der alte Meeresgott, mit seinem großen Dreizack in der Hand. An seiner Seite seine Frau und sein Gefolge, Wassermänner und Nixen und der Apotheker.

    Ich muss durch einen 20 Meter langen Windsack kriechen, dabei wird von vorn und achtern mit dem großen Deckwaschschlauch Wasser in den Windsack gespült, es ist gar nicht so einfach, da durch zu kommen, ohne zu ertrinken. Das ist geschafft, nun werde ich zu Neptun geführt, ich soll seinen Fuß küssen. Er hält mir seinen Fuß hin, als ich ihn küssen will, wechselt er blitzschnell den Fuß und ich küsse einen großen Klumpen Staucherfett, den hat man ihm auf den anderen Fuß gelegt. Quatsch, macht es, alles gröhlt vor Lachen. Nun kommt der Apotheker an die Reihe, mit Gewalt wird mir der Mund geöffnet und eine große rote Pille in den Mund gesteckt, sie ist weich wie Marzipan und aus Paprika, Chili und noch so ein paar Gewürzen hergestellt. Ich würge und spucke, aus einer Flasche wird Essigwasser hinterher geschüttet, das ist der reinste Horror.

    Plötzlich befinde ich mich auf der Luke, der Friseur von Neptun führt mich zu einem Stuhl und ich muss mich setzen. Nun werde ich eingeseift, mit einem Quast und mit grüner Seife fährt er mir über mein Gesicht, die Seife brennt in meinen Augen, ich kann mich nicht wehren, denn die Seeteufel halten mich fest. Nun sehe ich nichts mehr. Plötzlich kippt der Stuhl nach hinten und ich fliege in den Pool. Die Seeteufel springen hinterher und halten mich fest. Neptun holt nun eine große Schriftrolle hervor und ich werde auf den Namen "Pinguin" getauft. Danach werde ich von den Seeteufeln dreimal unter Wasser getaucht und das nicht gerade zimperlich, ich ersaufe beinahe.

    Hinterher habe ich noch tagelang blaue Flecken am Körper, den anderen Kameraden geht es auch nicht besser. Ach, ich muss noch unterschreiben, dass ich für die Besatzung 5 Schachtel Bier spendieren würde, was ich auch tue. Das sind wirklich Pappschachteln, immer 24 Flaschen in so einem Karton, zum Preis von 3 DM, das ist zu verkraften. So getauft krabbele ich aus dem Pool und lasse mich auf der Luke nieder, irgendeiner reicht mir eine Flasche Bier und ich spüle den Rest der Pille herunter, sie klebt noch zwischen den Zähnen. Mensch, ist das Zeug scharf. Nun sehe ich zu, wie einer nach dem anderen der Leidensgenossen vorgeführt wird und der gleichen Prozedur unterzogen wird wie ich. Nun ist die Schadenfreude auf meiner Seite, um so mehr man sich dagegen wehrt, um so schlimmer wird es.

    Mittagessen fällt natürlich aus, der Koch hat kalte Platten angerichtet, heute ohne Pfannkuchen. Viel kann ich nicht trinken, um 16.00 Uhr muss ich auf der Brücke sein und zwar nüchtern, oder zumindestens einigermaßen. Es wird ein toller Tag; als ich von der Wache komme, sind die Jungs noch immer am Feiern, ist ja auch genug Bier gespendet worden. Punkt Mitternacht ist Schluss, morgen geht der alte Trott wieder los, nun bin ich ein richtiger Seemann, persönlich von Neptun getauft.

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    9. Kapitel

    Nach 15 Tagen ist es geschafft, wir erreichen die Küste Brasiliens, wir liegen vor Viktoria, unserem Ziel. Wir müssen die Anker werfen, denn der kleine Hafen mit nur einer Erzpier ist besetzt, hören wir, zwei kleinere Schiffe werden dort noch mit Erz beladen. Wir haben eine Länge von fast 150 Metern und brauchen die gesamte Pier für uns. Vor uns liegt die schmale Hafeneinfahrt, zwei riesige Felsen ragen aus dem Meer, auf dem linken Berg sieht man ein altes großes Gemäuer, wie eine Burg aus dem Mittelalter, nur ohne Türme, sieht es aus. Es ist ein Kloster der Franziskaner, die hier schon seit über 100 Jahren ihr Domizil haben. Einen von ihnen nehmen wir auf der Rückreise mit nach Europa.

    Also liegen wir hier noch zwei Tage auf Reede, bis wir in den Hafen können. Ein kleines Boot bringt am Morgen des dritten Tages den Lotsen an Bord , noch in der Nacht haben die beiden Schiffe den Hafen verlassen. Zwischen den beiden Felsen fahren wir in den Hafen ein, es ist ein tolles Panorama, gegenüber der Pier liegt auf der anderen Seite die kleine Stadt Viktoria. Wenn man herüber sieht, kann man eine alte offene Straßenbahn fahren sehen, damit will ich unbedingt fahren, das nehme ich mir vor. Wir fiebern dem Abend entgegen, beim Funker haben wir Geld bestellt, der hat unsere Wünsche dem Agenten in Viktoria gefunkt und der bringt das Geld mit der Post und den üblichen Papieren für die Schiffsführung mit an Bord. Ich habe Post von zu Hause, Opa hat geschrieben, es geht ihnen allen gut. Na, da habe ich eine Sorge weniger.

    Ich hole mir mein Geld vom Funker, ich weiß nicht mehr wie viel, aber ich werde mir zwei tolle Tage an Land erlauben können, die DM ist ja noch was wert und der Wechselkurs für uns ideal. Frisch geduscht gehe ich mit Otto dem Messesteward an Land, meine braven Ostfriesen von Deck und Maschine sind schon von Bord gegangen. Die Stewards müssen ja noch das Geschirr vom Abendessen abspülen und Messe und Pantry sauber machen, eine Geschirrspülmaschine gibt es nicht an Bord, das wird noch per Hand gemacht. Ich helfe Otto schnell bei der Arbeit, wir wollen endlich wieder Land unter den Füßen spüren. Mit Geld und Pass ausgerüstet gehen wir an Land, wir nehmen uns ein Taxi um in die Stadt zu kommen.

    Otto spricht ein wenig Portugiesisch und sagt dem Taxifahrer irgendetwas von "Casa de la Puta", das heißt Haus der Huren, das weiß ich aber nicht. Die Fahrt in die Stadt dauert nicht lange und das Taxi hält vor einer großen Bar. Wir zahlen und gehen hinein. Mensch, ist das ein großer Laden, die Tanzfläche liegt im Freien, genau in der Mitte des Lokals, um die Tanzfläche sind die Tische aufgebaut, hier sitzt die halbe Mannschaf

    t der "Baldur" versammelt, die Jungs haben schon alle eine Schönheit im Arm oder auf ihren Schoss sitzen. Hinter den Tischen gehen überall Türen ab, später soll ich erfahren, dass hier die Zimmer der Mädchen liegen, es sind alles Huren, aber nicht so wie in Europa. Sie machen es zwar auch für Geld, aber es ist immer Sympathie dabei, sie sind nicht auf die schnelle Nummer aus. Hat man sich für ein Mädchen entschieden, so ist man meistens die ganze Zeit zusammen, bis das Schiff wieder ausläuft. Das habe ich oft in den tropischen Ländern erlebt. Manchmal passiert es, dass sich ein Mädchen in einen Seemann verliebt, dann bezahlt er nur die Speisen und Getränke.

    Ich setze mich erst mal mit Otto an die lange Theke, erst mal ein kaltes Bier zischen und ein bisschen die Lage peilen. Überall stehen die Mädchen kichernd in Gruppen herum, sie sind genau so neugierig wie wir. Irgendwann steht sie dann neben mir, Maria Helena Santos, so heißt sie, wie ich später erfahre. Schwarze lange Haare bis auf den Hintern, eine schlanke hübsche Deern mit kakaobrauner Haut, sie ist nicht älter als ich, höchstens siebzehn Jahre alt. Aus der Musikbox dröhnt Samba oder Mambo, mir ist das egal, Maria zieht mich einfach auf die Tanzfläche. Otto hat inzwischen auch eine Schönheit gefunden und zwinkert mir zu.

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  4. #4

    Standard

    und der Rest...

    10. Kapitel

    Nach dem Tanzen setze ich mich mit Maria an einen freien Tisch, ich bestelle was zu trinken und dann versuchen wir uns zu unterhalten; ist gar nicht so leicht, ich spreche ihre Sprache nicht und sie die meine nicht. Aber die Sprache der Liebe ist international. Ich sehe, dass von Zeit zu Zeit die anderen Jungs mit ihren Mädchen verschwinden, in die Zimmer hinter der Tanzfläche. Ach so läuft das hier, denke ich, ein bisschen Trinken und Tanzen, zwischendurch mal ein kleines Zwischenspiel auf dem Zimmer, auch gut. Aber wir sind ja noch früh dran. Mit Händen und Füßen mache ich Maria klar, dass ich unbedingt einen Stadtbummel machen will, um mir die kleine Stadt anzusehen. Sie hat das schnell kapiert und wir verlassen Hand in Hand, wie ein Liebespaar, die Bar.

    Ich muss mal für die Mädels eine Lanze brechen, sie tun das nicht aus Geldgier oder um eine schnelle Mark zu verdienen, sie ernähren zum Teil ihre ganze Familie mit ihrem Einkommen, und die Familien sind groß und arm. Niemand in den Ländern denkt sich etwas dabei und die Mädels werden auch nicht von der Gesellschaft verachtet, auch werde ich nie bestohlen, wenn ich bei einem Mädel schlafe, das ist mir in Europa passiert, aber nie in den Häfen der dritten Welt.

    Wir also los, Viktoria ist eine saubere Stadt, vielleicht 50.000 Einwohner, schätze ich so über den Daumen. Da ist sie, meine Straßenbahn, ich zeige darauf, Maria versteht und wir springen einfach auf die breiten Trittbretter und setzen uns auf die Holzbänke, der Schaffner kommt vorbei und Maria drückt ihm ein paar Münzen in die Hand, das wars, einen Fahrschein bekommen wir nicht. Irgendwo in der Stadt springen wir einfach ab. Ich bekomme Hunger, und wir gehen in ein kleines Lokal am Hafen, dort unter freiem Himmel nehmen wir Platz. Die Nacht ist angebrochen, in den Tropen gibt es fast keinen Übergang vom Tag zur Nacht, ehe man sich versieht, ist es dunkel. Überall brennen jetzt bunte Glühbirnen, es sieht aus wie auf dem Hamburger Dom.

    Ich verstehe ja nichts und so bestellt Maria unser Essen, gebratenes Huhn auf Reis mit einer ganz scharfen Soße, ich stürze mein Bier noch mal so schnell herunter. Maria trinkt keinen Alkohol, sie gibt sich mit Orangensaft zufrieden. Als wir gesättigt sind, bezahle ich und wir schlendern zu Fuß wieder in Richtung der Tanzbar, Händchen haltend wie ein Liebespaar, das sind wir ja auch, zumindest für die zwei Tage, die wir hier im Hafen sein werden. Ich weiß ja, dass ich in Rotterdam wieder von Bord gehen werde, und Maria werde ich nicht wiedersehen. Ich glaube sie merkt es auch, aber heute ist heute und hier am Hafen küssen wir uns dann, das erste mal.

    Als wir so nach fast drei Stunden in die Bar zurück kommen, tanzt hier der Bär, meine braven Ostfriesen sind so richtig in Aktion, Mädchen kreischen und die wilde Jagd hat begonnen. Von Otto und seinem Mädchen nichts zu sehen, ob sie schon in der Heia liegen? Onno, ein Riese von Mensch, hat sich sein Mädchen auf die breiten Schultern gesetzt und galoppiert mit ihr um die Tanzfläche, sie sitzt auf ihm wie eine Herrenreiterin vom Zirkus Krone, dabei kreischt sie und schlägt Onno im Takt der Musik mit ihrem Schuh auf den Kopf, der merkt das gar nicht. Na, das kann ja eine tolle Nacht werden, denke ich, viel Ruhe wird man wohl nicht bekommen, aber ich soll mich täuschen.

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    11. Kapitel

    Es geht auf Mitternacht zu, Maria und ich haben die ganze Zeit engumschlungen getanzt. Wir wissen beide, was wir wollen. Die Bar hat sich geleert, meine Ostfriesen sind alle mit ihren Mädchen verschwunden. Hinten an der Wand, wo die Zimmer liegen, hört man Gepolter und Gekicher. Warum machen die denn so einen Lärm, wenn sie mit ihren Mädchen schlafen wollen? Maria zieht mich von der Tanzfläche, und wir machen uns auf den Weg zu ihrem Zimmer. Es liegt nicht im Erdgeschoss bei den anderen Zimmern, nein, es liegt versteckt im ersten Stock, eine himmlische Ruhe herrscht hier.

    Das Zimmer ist groß und hat alles, was man so für eine Nacht braucht. Ein riesiges Bett, über dem Bett einen großen Ventilator, man kommt ja in den Tropen leicht ins Schwitzen, und in einer Ecke befindet sich eine kleine Tür, hier ist eine Dusche und eine Toilette eingebaut worden, alles sehr sauber. Erst geht Maria und dann ich unter die Dusche, für zwei Personen ist sie zu klein, leider. Als ich aus der Dusche komme, liegt Maria schon im Bett, nur die kleine Lampe auf der alten Kommode brennt noch.

    Ich suche in meiner Hosentasche nach Geld, in Europa muss man im voraus bezahlen. Da solltet ihr mal Maria sehen, wie eine Furie springt sie mich an und will mich verprügeln, wie ein Rohrspatz schimpft sie, ich habe Mühe, den kleinen Tiger zu bändigen. Sie macht mir klar, dass ich ihr erst Geld geben soll, wenn wir Abschied nehmen, also übermorgen. Es dauert eine ganze Zeit, bis ich da kapiert habe. Ich habe ihr verklickert, das ich um 5 Uhr hier weg muss, denn ich muss ja pünktlich an Bord zur Arbeit erscheinen.

    Maria hat einen kleinen Wecker, und als das auch geregelt ist, können wir endlich zur Sache kommen. Es wird eine heiße Nacht, das könnt ihr euch ja wohl denken. Am Morgen um 5 Uhr rasselt der olle Wecker, verschlafen bleibt Maria liegen, ich ziehe mich leise an und verschwinde so leise wie möglich, heute Abend will sie mich von Bord abholen. Es wird hell, der Sonnenaufgang ist wunderschön; ich bleibe einen Augenblick auf der Straße stehen und sehe zu, wie die Sonne im Osten aufgeht. Vor der Tanzbar stehen einige Taxis, ich steige in einen der großen Amischlitten und fahre zum Schiff.

    An Bord dusche ich schnell und ziehe mich um, ab 6.00 Uhr gibt es Frühstück. Die Messe ist noch leer, erst nach und nach tauchen ein paar Gestalten auf, alle ziemlich verbeult. Um 7.00 Uhr gehen wir an Deck, der Bootsmann wird uns für den Tag die Arbeit zuteilen. Wie sich herausstellt, fehlen 6 Mann der Decksmannschaft, der Bootsmann tobt wie ein Verrückter, aber was soll er machen? Die Jungs liegen wohl noch bei ihren Mädchen in den Betten.

    Ich sehe in eine der Luken, der Dampfer ist schon über die Hälfte mit Erz gefüllt, morgen können wir auslaufen. Die Förderbänder bringen Tag und Nacht das Erz in den Bauch des Schiffes. Ich verziehe mich zum Kabelgatt, das ist unser Lager vorne unter dem Bug, ich soll beim Spleißen einer Manilla helfen. Das heißt, in einem großen Tau zum Festmachen des Schiffes muss ein Auge eingearbeitet werden, bei so einem großen starken Tau kann das keiner alleine machen. Ich mache gerne diese Arbeit, ist was anderes als das ewige Rostklopfen, es ist reine Seemannsarbeit, das Spleißen. Ich habe das von der Pike auf gelernt. Heutzutage hat man N

    ylontaue oder Drahtseile, die werden maschinell gespleißt, das kann kaum noch einer.

    In der Nähe meines Wohnortes befindet sich noch eine echte Reeperbahn, in Hausbruch, ich war mal da drinnen. Ein riesiger Tunnel befindet sich dort, anders kann ich es nicht beschreiben, also eine vollkommen überbaute Reeperbahn ungefähr 300 Meter lang, hier werden die Seile für jeden Zweck gedreht und gefertigt. Die Firma gehört den Gebr. Lohmeyer aus Altenwerder, einem alten Fischerdorf in Hamburg, das ganze Dorf wurde abgerissen, bis auf die Kirche, hier befindet sich heute ein neuer Container-Terminal, erst vor ein paar Wochen eingeweiht. Die ganze Bevölkerung ist unter starkem Protest aus der Hamburger Bevölkerung umgesiedelt worden. Genützt hat der Protest nichts.

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  5. #5

    Standard

    Hat doch noch nicht alles gepasst...

    12. Kapitel

    Also, es fehlen 6 Mann an Bord, würden wir heute auslaufen, hätten wir ein großes Problem. Kann mir nie passieren, denke ich so bei mir. Oh wie soll ich mich getäuscht haben, schon auf der nächsten Reise, die ich auf einem Hamburger Bananenjäger mache, fliege ich Achtern raus, das heißt, ich verpasse mein Schiff, und das in Kolumbien, im Hafen von Santa Marta, aber das ist eine Geschichte für sich. Vielleicht erzähle ich sie euch später einmal.

    Nach und nach trudeln die verlorenen Söhne wieder ein, der letzte kommt um 10.00 Uhr, der Bootsmann ist begeistert. Wie ein HB-Männchen hüpft und kreischt er über Deck, er scheucht die Jungs an die Arbeit, Rost klopfen, und das bei 35 Grad im Schatten, und den Staub an Deck vom Erz laden, die Jungs müssen büßen, und das noch mit einer dicken Birne vom Saufen. Der Tag will nicht zu Ende gehen, ich schaue andauernd auf meine Armbanduhr, doch dann ist es geschafft. Um 17.00 lasse ich alles fallen und verziehe mich unter die Dusche, schnell umgezogen und ab geht die Post.

    Als ich von Bord gehe, so eine halbe Stunde später, steht Maria unten an der Pier, sie hat Wort gehalten. Ich gebe ihr einen Kuss auf den Mund, oben an der Reling stehen einige Kollegen von Deck und Maschine und lästern und pfeifen uns hinterher. Wir nehmen uns ein Taxi und fahren wieder in das kleine Restaurant am Hafen, ich habe ja nicht zu Abend gegessen. Wir essen Fisch, frisch gefangenen Zackenbarsch, eine Delikatesse sage ich euch.

    Mit vollem Bauch machen wir uns auf den Weg, ich will mir noch ein bisschen die Stadt ansehen und mir ein schönes Souvenir besorgen, eigentlich könnte ich ja Maria mitnehmen, so als kleines Souvenir aus Brasilien, aber dann würde ich wohl großen Ärger an Bord bekommen, so ein blinder Passagier.

    Wirklich, Viktoria ist eine schöne kleine Stadt, saubere Straßen, keine Slums, die Menschen freundlich. Hand in Hand bummeln wir durch die kleinen Straßen und Gassen. In der Hauptstraße sehe ich ein Geschäft mit Damenkleidung, im Fenster liegt ein wunderschönes rotes Kleid. Ich ziehe Maria in den Laden, sie sieht mich ganz erstaunt an, ich zeige der Dame, die im Geschäft bedient, das Kleid und zeige auf Maria. Mit den Augen nimmt die Dame Maß und verschwindet in einen Nebenraum. Maria palavert mir die Ohren voll, ich zucke nur mit der Schulter, lass sie sabbeln, denke ich.

    Die Dame kommt mit dem gleichen Kleid zurück, und ich mache Maria klar, sie soll das Kleid überziehen. Die Dame hat mich verstanden, nur Maria nicht. Da wird sie an die Hand genommen, in eine Kabine gesteckt und fertig ist die ganze Sache. Maria sieht wunderschön aus in dem roten Kleid, der Kontrast, die kakaofarbene Haut, Haar wie Ebenholz, toll. Ich zeige auf das Kleid und bezahle es, hat kostet ungefähr 30 DM, ein Schnäppchen.

    Ich bedeutete Maria, dass sie das Kleid gleich anbehalten soll, erst jetzt kapiert sie, dass ich ihr das Kleid schenken will, und mit einem Schrei fällt sie mir um den Hals und knutscht mich vor allen Leuten ab. Mir ist das ganz schön peinlich, aber die anderen Damen lachen nur. Inzwischen ist hier ein kleiner Menschenauflauf, Gringos sieht man wohl nicht oft in dem Laden. Mein schlechtes Gewissen ist auch ein bisschen beruhigt, denn Maria hat ja für die letzte Nacht kein Geld annehmen wollen.

    Nun habe ich Durst, ab in die Tanzbar; Maria bekommt eine Tüte für ihr altes Kleid, und wir ziehen los zur Bar. Hier ist ein Hallo, als wir ankommen, meine braven Ostfriesen sind schon wieder in Stimmung, sogar der Bootsmann ist hier, er verklickert mir, dass alles um Mitternacht an Bord sein muss. Am frühen Vormittag sollen wir den Hafen verlassen, das geht nur mit der Flut, denn wir haben dann ja 6000 Tonnen Erz geladen, hier gibt es keine Schleuse, also kommen wir nur mit der Flut aus dem Hafen. Ich vermisse Otto, meinen Hamburger Freund; er muss an Bord bleiben, heute Abend kommen noch 7 Passagiere an Bord, sie wollen mit uns nach Europa fahren.

    Nun muss ich Maria die Nachricht verklickern, dass ich um Mitternacht an Bord sein muss, ihr ist das gar nicht recht und sie zieht einen Schmollmund. Es ist 20.00 Uhr, nicht mehr viel Zeit, ich trinke nur noch einen Cuba Libre, weißen Rum mit Limone, Cola und Eis, kennt in Deutschland noch niemand, aber in Südamerika und in der Karibik jeder Seemann. Der weiße Rum ist kein Barcardi, den gibt es noch nicht.

    Maria wird nun langsam unruhig; ich muss bezahlen, und dann verziehen wir uns schnell auf ihr Zimmer, die letzten paar Stunden will sie mit mir alleine sein, ich aber auch mit ihr. Also beginnt das ganze Ritual noch einmal von vorne, schnell unter die Dusche und ab zu Maria ins Bettchen.

    Ihr könnt euch ja denken wie die letzten Stunden mit Maria verlaufen, jedenfalls bin ich ganz schön geschafft. Überall Kratzspuren auf dem Rücken, und einige Knutschflecke habe ich auch abbekommen. Ich schaue auf die Uhr, Maria ist eingeschlafen, es ist Zeit, ich muss gehen. Ich lege das meiste Geld, was ich noch habe, unter die kleine Lampe auf der Kommode, ich behalte nur das Geld für die Taxe und für einen letzten Drink an der Bar, ich muss sehen, dass ich an Bord komme.

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    13. Kapitel

    Mit meinen Sachen unter dem Arm schleiche ich mich wie ein Hund aus dem Zimmer. Draußen auf dem Gang ziehe ich mich schnell an. Ich gehe nach unten an die Bar, keinen meiner Kameraden kann ich entdecken, die sind alle schon weg, denke ich. Schnell noch ein Bier und ab in die Taxe. Punkt 24.00Uhr bin ich an Bord, geschafft. Ich habe wegen Maria ein schlechtes Gewissen, aber was soll ich denn machen? Sie weiß doch auch, was los war und mit dem nächsten Schiff kommt auch eine neue Liebe.

    Ich gehe in meine Kammer und lege mich in die Koje, morgen ist ein harter Tag, ach nein, heute ja schon. Am Morgen dann das große Erwachen, um 6.00 Uhr fehlen noch immer 2 Mann von der Decksmannschaft; der Bootsmann und der 2. Offizier sind in den Puff gefahren, um die Jungs zu holen, das gibt Ärger. Wir sind noch beim Frühstücken, als alle 4 Herren wieder auftauchen, Enno ist dabei, der andere ist Günni. Beide sehen nicht gerade frisch aus, der Bootsmann treibt sie mit leichten Tritten in den Hintern die Gangway rauf.

    Nun sind wir vollzählig, später werden die beiden vom "Alten" zu je 100 DM Geldstrafe als Spende für die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger verdonnert, damit ist dann die Sache für alle Beteiligten erledigt. Um 8.00 heißt es Leinen los, alles klar bei Vorn und Achtern. Oben auf dem Bootsdeck stehen unsere Passagiere, neugierig schauen sie dem Ablegemanöver zu. Langsam verlassen wir den Hafen von Viktoria.

    Auf der anderen Seite der Pier sehe ich einen roten Fetzen flattern, es ist Maria, sie hält ihr Kleid in der Hand und winkt damit, was sie kann. Sie trägt Jeans und eine weiße Bluse, das kann ich erkennen; ihr Kleid hat sie zum Winken genommen, damit ich sie erkennen würde. Ich ziehe mein Arbeitshemd aus und winke damit zurück. Bis zur Ausfahrt aus dem Hafen kann ich sie noch sehen, dann ist sie meinen Blicken entschwunden.

    Als der Lotse von Bord geht, werden die Luken geschlossen, und dann geht es ans Deck waschen, der ganze Staub von der Erz

    verladung muss abgespült werden, da haben wir genug für heute zu tun. Um 16.00 begebe ich mich zur Wache auf die Brücke, die Küste von Brasilien verschwindet so langsam am Horizont. Auf der Brücke sind die Passagiere anwesend, der 1.Offizier erklärt den Leuten die Brücke mit all ihren Geräten. Es sind 3 Ehepaare und der Franziskaner-Mönch, er fährt das erste mal nach 35 Jahren wieder nach Deutschland; er hat noch eine Schwester in Bayern wohnen, die will er besuchen.

    Eines der älteren Ehepaare kommt aus Göttingen, sie haben ihren Sohn besucht, der in Blumenau mit seiner Familie lebt. Blumenau ist eine kleine Stadt, die im letzten Jahrhundert von deutschen Einwanderern gegründet wurde. Die anderen beiden Ehepaare kommen aus Wolfsburg, die Ehemänner sind Manager bei VW in Brasilien, und sie fahren nun für immer nach Hause, ihre Ablösung ist eingetroffen. Zwei Jahre sind sie mit ihren Frauen in Brasilien gewesen, schön blöde denke ich, ich wäre ohne meine Frau gefahren. Das hat mir alles Otto erzählt, der muss die Passagiere nun zum Teil auch mit betreuen.

    Die Rückreise verläuft ohne besondere Ereignisse, Wache, Arbeiten, Schlafen, das ist alles. Eine Woche, bevor wir Europa erreichen, hören wir, dass wir nicht nach Rotterdam laufen sollen, sondern nach Emden. Das ist ja prima, da kann ich ohne Probleme abmustern. In Rotterdam hätte ich in Schwierigkeiten kommen können, denn es muss ein Ersatzmann gestellt werden. Es ist jetzt Anfang Dezember, da kann ich ja Weihnachten zu Hause feiern, da freue ich mich schon drauf. 48 Stunden vor Einlaufen des Schiffes gehe ich zum Funker und gebe ihm meine schriftliche Kündigung. Otto ist mit von der Partie, dieses Schiff ist nicht unser Ding, es ist ein oller Seelenverkäufer, so nennt Otto das Schiff.

    Braun gebrannt wie die Neger kommen wir in Emden an. Nachdem wir alle Papiere erhalten haben und einen Teil der Heuer, machen wir uns mit einem Taxi auf dem Weg zum Bahnhof. Den Rest der Heuer müssen wir uns auf der Reederei abholen. Über Bremen fahren wir nach Hamburg. Ich habe Glück, der Zug hält in Harburg, hier ist meine Heimat. Ich habe mich schon von Otto verabschiedet, und nun geht es nach Hause, zu Oma und Opa und zu meiner Mutter, wie lange werde ich es diesmal aushalten an Land? Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

    << Ende >>

  6. #6

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    Ich hab noch ein paar von Mannis Döntjes, gibt es morgen damit es an Weihnachten nicht langweilig wird

  7. #7
    Avatar von Power-Ship
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    Blinzeln Mannis Döntjes

    Hallo Horst!
    Das macht Appetit auf mehr! Nur zu!
    Good is it in the end, if not, was it not finished.​

  8. #8

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    Also dann, diese Geschichte könnte auch zum Schmelzer passen ...

    "Moses, das Grüne"

    Ich machte eine Reise auf der "Tazacorte" ins Mittelmeer, 12 Passagiere an Bord, die meisten davon Ehepaare auf der Hochzeitsreise.

    Das heißt also, es war ein vernünftiger Smutje an Bord, von der Besatzung "Chef" genannt, das ist sein Titel auf deutschen Schiffen.

    Die Besatzung hatte ihre Kammern und die Messe natürlich Achtern.

    Der Moses, das jüngste Mitglied der Besatzung, hatte die Aufgabe, das Essen von der Kombüse in Backen so schnell wie möglich nach Achtern zu bringen, wir wollten ja warmes Essen haben.

    Bei schlechtem Wetter und hoher See war das nicht immer einfach.

    Der Smutje nun hatte einen Petersilien-Tick, überall auf den Speisen musste ein bisschen "Grünes" sein, so fürs Auge, meinte er.

    Also der Moses bekam die Backen, das tragbare Topfgeschirr, voller heißer Speisen geknallt, und ab gings im Dauerlauf nach Achtern.

    "Moses", kreischte dann regelmäßig eine dröhnende Stimme übers Deck, "komm zurück".

    Beim ersten Mal dachte nun der Moses, der Smutje hätte etwas vergessen, aber weit gefehlt, die Backen für Kartoffeln und Gemüse wurden wieder geöffnet, und mit seinen dicken Knackwurstfingern streute dann der "Chef" seine geliebte Petersilie über die Speisen.

    Der Moses rollte mit den Augen und sauste wieder zurück nach Achtern, denn er wusste, wir wurden langsam unruhig.

    "Wo bleibst du Dösbaddel denn?" blaffte der Bootsmann, er bekam natürlich zuerst das Essen, er war der Gott der Mannschaft, immer das größte Schnitzel oder die längste Bockwurst.

    Der Moses wurde rot und wollte dann den "Chef" wegen der blöden Petersilie verantwortlich machen, aber da trat er schon wieder ins Fettnäpfchen, denn der Bootsmann und der "Smutje" waren die besten Freunde, fuhren schon jahrelang immer zusammen auf dem selben Dampfer.

    "Dann musst du schneller laufen", war die Antwort, so ging es nun fast 6 Wochen lang, und das jeden Mittag und jeden Abend, denn an Bord gibt’s 2 mal warmes Essen am Tag.

    Mir tat der Moses immer Leid, denn ich war ja auch mal Moses gewesen und hatte solche Stories auch auf anderen Schiffen erlebt, am Ende der Reise war der Moses dann fit, er hätte wohl 10,2 Sekunden auf 100 Meter geschafft.

    Ja, so ein Smutje hebt oder senkt die Moral der Mannschaft, war er ein "Kaffeekoch", wie man so sagte, dann haben wir ihm seine Frikadellen an seine Kammertür genagelt und er bekam vom "Alten" einen "Sack", so nannte man die Kündigung bei der Seefahrt, er konnte seinen Seesack packen.

    "Chef" und sein Kochsmaat waren eine Macht für sich, der Kochsmaat war für den Kuchen und die Brötchen zuständig, jeder Donnerstag, den man auf See verbrachte, war ein Seemannssonntag, das heißt, es gab frische Brötchen, und zum Kaffee wurde dann Kuchen gereicht, meist die geliebten "Panzerplatten", Streuselkuchen in allen Variationen. Der Seemannssonntag hatte auch noch einen anderen Vorteil, man bekam dafür am Ende der Reise einen Urlaubstag extra.

    Aber die Jungs hatten auch die meiste Arbeit an Bord, am Morgen waren sie die ersten und am Abend die letzten, die in die Koje kamen.

    Ja, ich habe einige Smutjes kennengelernt, gute und schlechte, aber so einen Petersilie-Fan nur einmal.

  9. #9

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    Wer hier kennt noch die alte Kneipe "Fick" am Fischmarkt in Hamburg?

    Auch dazu eine Geschichte von Manni...

    Bernie Fick und seine Mädels

    Moin Deerns und Buttjes! (Guten Morgen Mädels und Jungs)!
    Heute will ich euch mal eine kleine Geschichte vom alten Fischmarkt in Hamburg erzählen.
    Bernie Fick hatte eine kleine Kneipe am Fischmarkt. Bernie war ein waschechter Finkenwerder Jung. Finkenwerder ist eine Elbinsel, und früher lebten hier fast nur Fischer, Fick, Fock, Mewes und Kinau hießen sie.
    Bis Anfang der siebziger Jahre gab es noch die Finkenwerder Kutterfischer. Sie fuhren bis auf die Nordsee hinaus, um zu fischen. Am Bug ihrer Kutter stand immer der Namenszug HF und dann eine Nummer, so konnte man sehen wo der Kutter registriert war. Bernie Fick hatte eine kleine Kneipe am alten Hamburger Fischmarkt, hier war ich schon mit meinen Großeltern drinnen, wenn am Sonntag Fischmarkt war. Die Kneipe hatte nur 4 kleine Tische und einen lütten Tresen, das wars, aber es war urgemütlich hier.

    Sonntags, wenn Fischmarktzeit war, brummte hier der Bär, einer mit dem Schifferklavier sorgte für die richtige Stimmung im Laden. Zu den Toiletten kam man durch einen schmalen Gang, rechts am Tresen vorbei, Damen- und Herrentoiletten auf der linken Seite, eine kleine Teeküche auf der rechten Seite, und am Ende des Ganges war ein größerer Abstellraum, hier lagerte Bernie seine Bierkisten. Am Sonntag gab es bei Bernie nur Flaschenbier, das ging schneller und sorgte für mehr Umsatz, in der Woche bekam man ein gepflegtes Bier vom Fass. Nun fragen sich viele Leute, die nicht aus Hamburg kommen, was ist eigentlich da in der Woche los am Fischmarkt?

    1. Es ist eine Wohngegend, Altbauten, aber mit Blick auf die Elbe, heute reißen sich die Leute um die Wohnungen, früher wohnten hier die Hafenarbeiter mit ihren Familien.

    2. Hier gibt es noch die Fischgroßhändler, die hier ihre Ware verkaufen und herstellen, und auch einige Kneipen. In der Woche ist hier aber auch ein Autostrich, und die Mädels stehen auf der Straße und warten bei Wind und Wetter auf ihre Freier, nur sehr leicht bekleidet. Aber so leicht bekleidet kommen sie ja nicht hier an, gut, viele werden heute von ihren Boys im 500 Daimler zur Arbeit gebracht, aber vor einigen Jahren kamen viele Mädels mit einer kleinen Reisetasche zur Arbeit.

    Sie gingen dann zu Bernie in die kleine Kneipe, gingen ins Getränkelager und zogen sich da um. Da hinten saß dann eine alte Rentnerin und passte auf die Klamotten von den Mädels auf. Sie bekam von den Mädels ein paar Mark dafür und besserte so ihre magere Rente auf. Wenn es so kalt wie in diesen Tagen war, kamen die Mädels zu Bernie rein und wärmten sich auf, tranken ihren Kaffee oder Rotweingrog, und ab ging es wieder nach draußen in die Kälte. Bernie hatte einfach ein Herz für die Mädchen, warum auch nicht, Hure ist der älteste Beruf der Welt, und heute zahlen sie sogar ihre Sozialversicherung und Krankenkasse, glaube ich.

    Die alte Rentnerin war ein Unikum und eine Spritamsel, ich habe sie da noch bis 1974 arbeiten sehen. Bernie schimpfte immer auf sie, aber er zwinkerte immer dabei mit einem Auge. Sie war immer leicht beschwipst, bekam von Bernie aber nicht viel zu trinken. Irgendwann stellte Bernie dann einmal fest, dass ihm sehr viel Flaschenbier aus dem Lager fehlte, aber wie kam Oma, so wurde sie von allen genannt, an die Flaschen? Die Kisten waren nämlich bis fast unter die Decke gestapelt, aber den Tritt hatte Bernie unter Verschluss. Auch fehlten nicht oben in den Kisten das Bier, sondern in den untersten Kisten, und immer nur in der ersten Reihe der Kiste. Ich glaube, Oma war nur 1,51 Meter groß und wog so um die 48 Kilo.

    Bernie hat lange gegrübelt, und irgendwann hat er sie wohl einmal dabei erwischt, sie hatte tatsächlich die Kraft, die Kisten anzukippen und sich aus der untersten Kiste das Bier zu mopsen. Der ganze Fischmarkt hat gelacht, als Bernie das erzählte, aber böse war er ihr nicht, er hatte ein großes Herz für die Leute vom Fischmarkt. Irgendwann konnte Bernie nicht mehr und verkaufte den Laden, er hatte seinen Ruhestand redlich verdient. Einige Zeit stand der Laden leer, dann fanden sich Investoren und bauten die Bude um, nun sollte es ein Schicki-Micki-Laden werden, für die gelernten Töchter und Söhne ehrbarer Hamburger Kaufleute.

    Nun stand nicht mehr das Fahrrad von Hein aus dem Hafen vor der Tür, sondern die noblen Automarken, das konnte nicht gut gehen, und es ging auch nicht gut. Dann übernahm Hamburgs berühmteste Hure den Laden, Domenica, sie hatte viele Jahre in der Herbertstrasse hinter den kleinen Fenstern gesessen und ihren Körper verkauft, auch das ging in die Hose. Domenica war zwar eine gute Hure, aber von der Marktwirtschaft verstand sie nichts und so scheiterte auch sie. Was da nun heute abläuft, kann ich leider nicht sagen, ich war seit fast zwanzig Jahren nicht mehr dort. Aber Bernie Fick und seine Mädels werde ich nie vergessen.

  10. #10

    Standard

    Und noch ne Geschichte...

    DER BANANENJÄGER

    1. Kapitel

    Da stand ich wieder vor dem Heuerstall und hielt mein Seefahrtsbuch in der Hand; am liebsten wäre ich in die Luft gesprungen. Endlich, es hatte geklappt, einer meiner Träume war in Erfüllung gegangen, ich hatte eine Heuer auf einem Bananenjäger bekommen; auf einem der weißen Schiffe, die ich schon so oft in den Häfen bewundert hatte, hauptsächlich in Hamburg, wenn sie an den Fruchtschuppen lagen. Nun sollte ich selber auf so einem Schiff fahren, als Leichtmatrose, das Schiff lag in Bremerhaven, da sollte ich heute noch hin.

    Ich ging wieder zum Reisebüro von HAPAG LLOYD und holte mir meine Fahrkarte, über Stade, Buxtehude, mit dem Bummelzug, aber egal. Ich hatte im Seemannsheim geschlafen, schon 3 Tage war ich hier, es hatte zu Hause einen Streit mit Oma Lina gegeben, wie immer wegen Geld. Ich hatte jeden Monat einen Ziehschein nach Hause geschickt, immer 120 DM im Monat, das Geld wurde von der Heuer abgezogen, und Oma Lina brachte es auf mein Sparbuch. Den Rest des Geldes bekam man, wenn man abgemustert hatte, direkt bei der Reederei in bar ausgezahlt, den Rest der Heuer, die Überstunden und die Urlaubstage, alles in bar.

    Die Damen von der Reeperbahn freuten sich immer, wenn ein paar Sailors auf dem Kietz erschienen, aber an mir haben sie keine Mark verdient. Es hatte sich eine stattliche Summe bei mir angesammelt, für die damalige Zeit, viel Geld. Ich war jung und stand auf tolle Klamotten, so habe ich mich richtig eingekleidet, mit Kamelhaarmantel und Anzug und so, war nicht billig. Oma jammerte nur immer um das schöne Geld, das ich ausgab; dass ich dafür aber auch einige Monate auf vieles verzichtet hatte, das überlegte sie nicht. So hatte ich im Januar die Nase voll und erzählte ihr einfach, dass ich einen Dampfer bekommen würde und in Hamburg darauf warten müsse.

    Ich nahm mir noch ein ordentlichen Batzen Geld vom Sparbuch, Oma Lina blieb die Luft weg, und zog ins Seemannsheim direkt über den Heuerstall, billig, denn als Seemann bekam man einen Sonderpreis. Im Restaurant war Zigeunerschnitzel in Mode gekommen, Mittags und Abends haute ich so ein Schnitzel weg, es war riesengroß.

    Aber heute hatte es mit dem Schiff geklappt, bei der Reederei Robert M. Sloman jr., der ältesten Reederei Hamburgs, 1793 gegründet. Schon 1849 fuhr das erste Dampfschiff von Sloman, die "Helena Sloman", im Liniendienst nach New York, vorher taten das die Segler von Sloman. 20 Segelschiffe fuhren unter der Flagge von Sloman, aber 1848 war eine neue Epoche angebrochen, die Dampfschiffahrt. Mit dem Seesack auf dem Rücken fuhr ich zum Hauptbahnhof, mit der U-Bahn von den Landungsbrücken war das ein Klacks. Baumwall, Rödingsmarkt, von hier aus konnte man noch die Elbe und den Hafen sehen, dann ging es bis zum Hauptbahnhof unter der Erde weiter.

    Nach 10 Minuten war ich am Ziel, und von Bahnsteig 10 ging alle 30 Minuten ein Zug nach Stade oder sogar bis Cuxhaven. Es war jetzt 10 Uhr, laut Fahrplan musste ich in Stade umsteigen, um nach Bremerhaven weiter zu kommen. Ich sollte in Stade 1 Stunde Aufenthalt haben, da könnte ich schnell Mittagessen, das Bahnhofsrestaurant kannte ich, das Essen dort war gut. Also mit Seesack auf dem Rücken stieg ich in den Zug. Der Zug war fast leer um diese Zeit, erst ab 16.00 Uhr war in diesen Zügen die Hölle los. Eine S-Bahn fuhr damals noch nicht, dann fuhren die Pendler, die in Hamburg arbeiteten, aber im Süden Hamburgs wohnten, nach Hause.

    Ich hatte ein ganzes Abteil für mich, Raucher natürlich. Ich zog meinen dicke Kulani aus, das ist eine kurze Jacke, Zweireiher, wie die Marine sie heute noch trägt, so etwas hatte ein Seemann im Winter immer an. Darunter trug ich einen echten Norweger Pullover, den hatte ich zollfrei in Rotterdam gekauft für 50 Gulden. Bei einem Schiffsausrüster in Hamburg kosteten die Dinger damals fast 200 DM, aber es waren auch Klasse Pullover, warm und sie wiesen sogar den Regen ab.

    Ich machte es mir bequem, und los ging die Reise; dass in 4 Wochen eine der schwersten Sturmfluten über Hamburg herein brechen sollte, das ahnte noch niemand, genau am Geburtstag meiner Mutter, am 13. Februar 1962. Ich steckte mir eine Lucky Strike an und schaute aus dem Fenster, ich würde meine Heimatstadt Harburg noch einmal sehen, denn alle Züge mussten hier ja durch. Wie es wohl an Bord sein würde? Bei so einer alten Reederei wurde doch bestimmt auf Tradition geachtet, so dachte ich wenigstens, aber es war nicht so schlimm, doch davon im nächsten Kapitel.

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    2. Kapitel

    Die Fahrt von Hamburg nach Bremerhaven damals dauerte genau so lange wie heute ein ICE nach Frankfurt braucht, der Bummelzug hielt ab Stade an jeder Milchkanne. In Stade hatte ich fast 1 Stunde Aufenthalt gehabt, in der Bahnhofswirtschaft hatte ich schnell ein "Rundstück Warm" verzehrt, eine Hamburger Spezialität, hatte früher jede größere Gastätte auf ihrer Speisekarte, heute findet man das nicht mehr, oder man muss mit der Lupe suchen.

    Es ist einfach frisches Weißbrot, Schweinebraten darauf gelegt, möglichst nicht so dicke Scheiben, Soße über weg, ein Stück Gewürzgurke dazu, fertig. War immer ein tolles Essen, besonders für uns jungen Leute damals, und es war etwas Handfestes. Das letzte "Rundstück Warm" habe ich 1974 im Januar auf einer Maskerade auf einem Hamburger Dorf gegessen, in Moorburg, ich weiß noch den Preis, 5 DM. Ein Riesenteller voller Fleisch und Soße. Ja, wir kannten noch keine Papp-Hamburger von MC Doof.

    Nun saß ich also im Zug nach Bremerhaven, ein Großraumabteil mit Plastikbänken, es saßen nur ein paar ältere Leute und ein paar kichernde junge Mädchen darin, die Deerns sahen mich immer an, ich wusste gar nicht warum. Es war wohl noch die Bräune im Gesicht und auf den Handflächen, ich kam ja aus den Tropen und wollte da auch ganz schnell wieder hin. Ich hatte keine Ahnung, wo das Schiff hinfuhr, am Heuerstall hatten sie nur etwas von Mittelamerika gesagt, aber welche Länder, das wusste ich nicht, noch nicht.

    In Bremervörde wurde der Zug etwas voller, denn nun fuhren wohl viele nach Bremerhaven mit, vermutlich zum Einkaufen. Gegenüber nahm eine junge Frau mit einem kleinen Kind Platz, die Lütte war vielleicht 4 Jahre alt und schaute mich mit großen Augen an, wohl auch, weil ich noch so braun war. Der Mutter war das wohl peinlich, aber ich schäkerte mit der Kleinen, und 5 Minuten später saß sie bei mir auf dem Schoß und erzählte mir von dem, was sie am Fenster sah. Die junge Frau wollte nach Bremerhaven, ihren Mann abholen, er fuhr auf einem Fischdampfer zur See, kam jetzt aus Grönland. Mann inne Tünn, dachte ich, und das nun im Winter, der hat ganz schön was mitgemacht, mir lief es kalt über den Rücken. Aber die Kleine wollte zu ihrem Papa, das konnte man ja verstehen.

    Um 14.00 Uhr waren wir endlich am Ziel, ich verabschiedete mich von den beiden Damen, schnappte meinen Seesack und ging erst mal im Bahnhof ein Bier zischen, die Fahrt hatte durstig gemacht. Wo lag denn der Dampfer? Irgendwo bei den Fruchtschuppen hatten sie mir in Hamburg gesagt, na werde ich schon finden. Der Taxifahrer, mit dem ich fahren würde, kannte sich wohl im Hafen aus, so groß war der ja nun auch nicht. Also, ich trank mein Bier aus und begab mich zum Ausgang; es fing an zu schneien, ein Grund mehr, Deutschland zu verlassen, mir war kalt. Der Taxifahrer nahm mir meinen Seesack ab und warf ihn in den Kofferraum, nun ging die Fahrt los.

    Ob ich zum Fischereihafen wollte; irgendwie war ich ein bisschen pikiert, sah ich etwa wie ein Fischdampfer-Luis aus, so wurden die Jungs spöttisch von uns genannt, obwohl ich heute einen großen Respekt vor ihrer Arbeit habe, aber damals noch nicht, da war ich noch dumm. Ich wolle zum Fruchtschuppen, sagte ich hochnäsig, sein Trinkgeld konnte er vergessen, dieser Dummbatz, ich und Fischdampfer. Ach zum Bananenjäger, meinte er nur, und ich wäre schon der vierte Mann, den er an Bord fährt. Nun stieg das Trinkgeld wieder etwas, aber nicht viel. Nach einer Fahrt von ca. 15 Minuten waren wir vor Ort.

    Ich war baff, da lag nun mein weißes Traumschiff, mit dem schwarzen Schornstein und dem großen grünen Ring um die Mitte des Schornsteins, das Sloman Zeichen. Die "Alsterufer", 3000 Tonnen, ich glaube Baujahr 1958, 24 Knoten Höchstgeschwindigkeit. Ja, Kühlschiffe waren sehr schnell, mussten sie ja auch, die Ware durfte ja nicht verderben und gerade Bananenjäger mussten schnell sein, denn die grünen Stauden, damals gab es die Kartons noch nicht, wurden ja auf der Überfahrt immer reifer. Die Stauden wurden ja noch ganz grün an Bord gebracht, und wenn das Schiff in Europa ankam, dann wurden sie so langsam gelb. Die Kühltemperatur auf der Rückreise betrug genau 5 Grad Plus, mehr durfte es nie werden, und doch kamen einige Tonnen Bananen schon gelb hier an, die holten sich dann die Bauern ab und verfütterten sie ans Vieh, aber davon später mehr.

    Ich war richtig stolz, auf diesem schönen Schiff zu fahren, und der Fahrer der Taxe bekam 5 DM Trinkgeld, er machte bald einen Kotau auf der Pier. Ich nahm meinen Seesack und ging an Bord. Ich suchte den Bootsmann, denn beim Bootsmann meldet man sich immer zuerst. Ich erfuhr, dass die ganze Besatzung am Schuppen in einer Kneipe war, einer alten Holzbaracke, der einzigen Kneipe hier im Freihafen, nur 5 Minuten entfernt. Einen Offizier fand ich auch nicht, der Kochsmaat, den ich fragte, erzählte mir genüsslich, dass die Frauen der Herren an Bord wären und man hätte sich in die Kabinen zurückgezogen. Also was tun?

    Ich ließ den Seesack in der Kombüse und ging wieder von Bord, auch zu der Kneipe, was sollte ich denn sonst machen? An der Gangway war ein schwarzes Schild angebracht, Auslaufen 1.00 Uhr nachts mit dem Hochwasser auf der Weser, wir mussten aber noch durch die Schleuse, dass wusste ich zufällig. Aber es sollte mir alles recht sein, Hauptsache ich war auf diesem Schiff, so schön sauber sah es aus, der ganze Dampfer hatte Holzdeck, damals ein Luxus, dieses Deck sollte ich noch verfluchen. Also ging ich von Bord, gleich hinter dem Schuppen lag die Kneipe, man konnte das Gegröhle der Jungs schon von weitem hören, na, dachte ich, das kann ja lustig werden. Ich öffnete die Tür und sah erst mal gar nichts, nur Tabakqualm, der stand förmlich in der Luft, und man hätte ihn mit einem Messer schneiden können.

    An einem langem Tisch saß die ganze Bande, halb besoffen und braungebrannt. Ich ging einfach auf sie zu und stellte mich vor dem Mann mit der weißen Mütze und dem schwarzen Schirm hin, das war der Bootsmann, ich glaube, damals hatten alle deutschen Bootsmänner die gleiche Mütze auf, nur jeder hatte einen anderen Kniff drin. Er sah mich mit einem Auge an, das andere konnte er nicht öffnen, das war blau. Blau und zugeschwollen, na hier bist du richtig. Nachdem ich mich vorgestellt hatte, musste ich mich neben ihn setzen, und dann hörte ich seinen ganzen Lebenslauf, zwischendurch wurde ich zu einer Einstandsrunde Grog verdonnert, für alle. Schon war der erste 50 Markschein futsch, hatte Oma Lina in Hamburg eine Ahnung, was so die Welt kostete. Ich schaute auf die Uhr, es war jetzt fast 18.00 Uhr, wurde Zeit dass wir an Bord kamen, dachte ich, die ganze Bande ist so besoffen, wie sollen die denn den Dampfer durch die Schleuse kriegen?

    Aber ich sollte mich schwer täuschen, als es losging in der Nacht, waren alle fit. Um 18.30 Uhr war Schluss, es gab nichts mehr zu trinken, alles Bitten half nichts. Tante Berta, so hieß die resolute Wirtin, war eisern, sie hatte die Öffnungszeit schon verlängert, denn normalerweise war hier um 16.00 Uhr Schluss. Murrend gingen wir alle an Bord, ich hatte nun auch leicht einen an der Mütze, aber es klappte, keiner fiel ins Wasser. Ich bekam eine schöne Kammer, die ich mir mit einem anderen Leichtmatrosen teilen musste, aber sie war nett eingerichtet und sehr sauber. Mein Bett war schon bezogen, hatte der Moses schon alles erledigt. Ich bekam die untere Koje, mein Kumpel schlief lieber oben, mir sollte es recht sein. Ich packte meinen Seesack aus, legte das Arbeitszeug bereit und dann hauten wir uns aufs Ohr, in 4 Stunden sollten wir geweckt werden.

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