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Thema: Weser: Heckrad-Güterboot PIONIER

  1. #1

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    Standard Weser: Heckrad-Güterboot PIONIER

    Hier ein Foto, bei dem man angesichts der Landschaft und der runden Lukendächer sofort an die Weser denkt.

    Ein tolles Bild des Heckrad-Güterdampfers PIONIER bei Forsthaus Ziegelhütte (wo das ist, habe ich noch nicht versucht, herausbekommen). Den Bügel über dem Heckrad deute ich als Halterung für das Ruder. Man beachte die primitive Bauart der Radschaufeln, die wohl kaum verstellbar und deswegen nicht allzu effektiv sein dürften. Abgebildet in: "Die Weser" Nr. 5 (1924).

    Gernot
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    Geändert von Gernot Menke (11.03.2009 um 18:25 Uhr)

  2. #2

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    Zitat Zitat von Gernot Menke Beitrag anzeigen
    bei Forsthaus Ziegelhütte (wo das ist ...)
    Ich habe es inzwischen gefunden: das Forsthaus Ziegelhütte liegt an der Oberweser nördlich von Veckerhagen bei km 15 auf dem linken Ufer. Der Güterdampfer fährt auf dem Foto zu berg.

    Gernot
    Geändert von Gernot Menke (11.03.2009 um 18:35 Uhr)

  3. #3

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    Standard Nähere Angaben zum PIONIER

    Was lesen meine entzündeten Augen - der PIONIER hatte, wenn mein Artikel stimmt, "seitlich bewegliche" Heckräder zum Steuern!

    Das Bild des PIONIER von der Seite (bei dem es sich leider nur um ein Aquarell von Watter Wilda handelt - der Name ist so seltsam wie das Motiv) läßt vermuten, daß - wenn überhaupt - die komplette Einheit aus Heckrad und Dampfmaschine schwenkbar gewesen sein muß. Bei einer feststehenden Dampfmaschine hätte sich das Problem des Antriebs eines schwenkbaren Heckrads kaum lösen lassen. Der Kasten für die Dampfmaschine vor dem Heckrad selbst war mit Sicherheit fest und vermutlich nach hinten offen. Es gab auch zwei Heckrad-Dampfer, bei denen der Antrieb des Heckrads mittels einer in der Mitte liegenden Kette erfolgte. Beim PIONIER war das abgeblich aber nicht der Fall, so daß davon auszugehen ist, daß der Antrieb über Kurbeln und Gestänge erfolgte.

    Wenn die Dampfmaschine mit dem Heckrad mitschwenkte, war zwar das Antriebsproblem des Heckrads gelöst, doch gab es noch zwei weitere Probleme: das eine war der Schwenkmechanismus der kompletten Antriebseinheit, der so leichtgängig sein mußte, das er mit dem Ruder problemlos zu betätigen war, das andere war die Dampfleitung vom Kessel zur Dampfmaschine. Der Kessel vor der Wohnung stand ja fest (denkbar, daß der Kessel von vorne befeuert wurde, also vom Laderaum aus, wo auch die Kohlen leichter gebunkert werden konnten. Unter der Wohnung war dafür wohl kaum genug Platz), während die Dampfmaschine beweglich war. Auch wenn das Dampfrohr genau im Drehpunkt der Antriebseinheit lag, mußte doch die Drehung bewältigt werden, ohne daß das Dampfrohr undicht war. Einen Schlauch kann ich mir angesichts des heißen Dampfes mit seinem hohen Druck in der damaligen Zeit nicht vorstellen. (Andererseits: die früheren oszillierenden Dampfmaschinen hatten sogar noch schwierigere Probleme der Dampfzuführung an bewegliche Teile gelöst - wenn auch nicht zur vollständigen Zufriedenheit, weswegen man von den oszillierenden Zylindern wieder abkam und stattdessen Kreuzköpfe verwendete). Leider gibt es hierzu in dem Artikel keine Angaben.

    Der ganze Aufwand, wie auch immer er technisch gelöst wurde, hatte aber nicht den erhofften Erfolg: bei der ersten Fahrt zeigte sich, daß zusätzlich zur Steuerung mit den Heckrädern doch ein Ruder erforderlich war, das auf dem Foto im ersten Beitrag im oberen Teil erkennbar ist.

    Der PIONIER wurde 1898/99 in Kassel aus Eisen gebaut (es gab auch das hölzerne Heckrad-Güterboot MÜNDEN, das 1905 abgewrackt wurde. Mehr zu diesem Boot später). Er nahm
    126 Tonnen Ladung mit und seine Dampfmaschine leistete 60 PS. 1922 wurde das Schiff an die Wesermühlen in Hameln verkauft, wo es seit etwa 1934 als Lagerschiff verwendet wurde.

    Alle Informationen dieses Beitrags entnehme ich dem Aufsatz von Max Rehberg: Die ersten Heckrad-Frachtdampfer auf der Weser. In: Die Kunde, Heft 4/5 (1944), S. 75-78.

    Ich bleibe an diesem spannenden Thema dran!

    Gernot

    PS: Auf dem Kasten am Hinterschiff lese ich auf dem Gemälde "Pionier Hameln"
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    Geändert von Gernot Menke (17.03.2009 um 00:24 Uhr)

  4. #4

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    Standard Heckrad-Steuerung

    Uli Totski, der das Schiff auch nur aus dem vorstehenden Beitrag kennt, hat große Zweifel hinsichtlich der Beweglichkeit der Heckräder. Er glaubt an ein Mißverständnis seitens des Autors des Artikels. Ursprünglich sei vermutlich gemeint gewesen, daß beide Heckräder unabhängig voneinander laufen konnten, so daß wie bei einem Doppelschrauber eine Steuerwirkung erzielt werden konnte.

    Wörtlich steht in dem Artikel über die Heckraddampfer von 1944 dazu:
    "Ferner waren die Hinterräder seitlich beweglich, so daß mit ihnen gesteuert werden konnte. Mit dieser Steuerung machte der "Pionier" jedoch nur die erste Reise nach Bremen. Auf ihr stellte sich heraus, daß noch ein Hilfsruder nötig war. Nach Einbau desselben fuhr das Schiff gegen 20 Jahre mit der wohl einzigartig dastehenden Steuerung." (Max Rehberg, siehe Angabe im Beitrag zuvor, S. 77-78).

    Vielleicht ist ja noch mehr über dieses Schiff herauszubekommen.

    Gernot

  5. #5

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    Standard Heckrad-Güterdampfer PIONIER gebaut bei Ruthof in Mainz

    Ich hatte in Beitrag 4 geschrieben, der Güterdampfer PIONIER sei in Kassel gebaut worden und diese Angabe einem Aufsatz von Max Rehberg in "Die Weser" von 1944 entnommen.

    Jan Kruse macht in seinem Buch über "Frachtschiffahrt und Schiffbau im Weserbergland" (Hameln: 2009) auf Seite 52 detailliertere Angaben und schreibt:
    "Der Güterdampfer Pionier (Länge 44,12 m, Breite 5,46 m, 126 Tonnen, 60 PS) wurde vom privaten Schiffseigner Friedeborn aus Hann. Münden 1899 in Fahrt gebracht. Der 1897 in Hann. Münden gebaute Kasko bekam in Kassel seine Maschinenanlage eingebaut."

    Jetzt finde ich den PIONIER überraschend im Rheinschiffsregister (IVR-Register) von 1935 (siehe Anhang): da steht als Bauwerft weder Hann. Münden, noch Kassel, sondern Mainz-Kastel, sprich: die Ruthof-Werft! Vermutlich handelt es sich bei Rehberg um einen Lesefehler, so daß er in seinem Aufsatz aus Kastel Kassel gemacht hat.

    Interessant ist, daß der Dampfer im Rheinschiffahrtsregister auftaucht. War nur die Überführungsfahrt von Mainz zur Oberweser der Grund? 1922, im Jahr des Verkaufs an die Wesermühlen in Hameln, ist im Register von einer Klassifikation bzw. Untersuchung in Duisburg die Rede. Ich habe keine Ahnung, ob es üblich war, daß Weser-Schiffe in Duisburg ihre Klassifikation erhielten. Andererseits kann man sich schwer vorstellen, daß dieses speziell für die Oberweser gebaute Schiff auf dem Rhein oder dem Dortmund-Ems-Kanal sein Geld verdient haben soll.

    Fest steht, daß 1899 der Dortmund-Ems-Kanal frisch eröffnet war, der Mittellandkanal jedoch noch nicht. Wenn die Überführung zur Weser vor dem Ersten Weltkrieg stattfand, muß die Fahrt also von Emden über die Nordsee nach Bremerhaven gegangen sein. Der Mittellandkanal war erst 1915 bis zur Weser befahrbar.

    Es handelt sich im IVR- Verzeichnis von 1935 übrigens um den einzigen Güterdampfer mit Radantrieb. Alle anderen sind (in der großen Mehrzahl) Ein- oder Doppelschrauber.

    Die Geschichte des Schiffes dürfte ungefähr so aussehen:
    1899 Bau in Mainz-Kastel (für Friedeborn in Hann. Münden??)
    1922 Verkauf an Wesermühlen AG in Hameln
    seit 1934 Verwendung als Lagerschiff (wohl in Hameln?)
    vielleicht nach Kriegsschäden, vielleicht aber auch erst später verschrottet

    Gernot
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Name:	IVR-1935-Pionier.jpg 
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    Geändert von Gernot Menke (21.04.2010 um 08:14 Uhr)

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