Muss mich hier gleich korrigieren; sein erstes Schiff war nicht MARKSBURG (wie in Beitrag #2 behauptet), sondern HELENE (Bild im Anhang).
Aber wie ging's denn nun eigentlich los mit dem Schiffbau bei Josef Becker? Sein Wissen eigent er sich auf der Werft Gebrüder Stumm in Koblenz-Lützel an, mit 24 macht er sich 1921 selbstständig - zunächst allerdings ohne Verbindung zur Schifffahrt. Ab hier lasse ich wieder die Schottel-Broschüre sprechen:
'Das ändert sich 1925, denn da bestellt ein Bäckermeister aus Oberspay eine Schaluppe, damit er bei Hochwasser wendig durch die engen Gassen rudern und ebenso schnell wie sicher auf der anderen Rheinseite Mehl holen kann. Um die Ansprüche des Bäckermeisters zu erfüllen, ändert Josef Becker die Form der damals üblichen Beiboote und zeigt schon hier eine Fähigkeit, die ihn sein ganzes Unternehmerdasein begleiten wird: über Probleme nachdenken, bis sich eine Lösung gefunden hat, sich von Traditionen lösen, Neues wagen und Ideen unbeirrt umsetzen. So entwickelt er ein vollständig aus Eisen bestehendes Boot mit Spiegelheck und hochgezogenem Bug, das sich durch seinen sehr geringen Wasserwiderstand auszeichnet und sich sowohl leicht rudern als auch wenden lässt. Als er mit dieser Urform der später weltberühmten SCHOTTEL-Schaluppe rheinaufwärts zum Kunden rudert und sich – wie damals üblich – an ein Schiff anhängt, wird der Schiffseigner auf das neuartige Beiboot aufmerksam. Die zweite Bestellung geht ein und der Kontakt zur Schifffahrt ist gemacht. Schon zwei Jahre später, im Jahr 1927, hat sich der Bootsbau so weit entwickelt, dass Josef Becker die neue Sparte neben dem Maschinenbau in den Briefkopf aufnehmen kann.
Während der Bau von Schaluppen schnell an Fahrt gewinnt, kann der Betrieb auch im motorisierten Schiffbau Fuß fassen. Ein ortsansässiger Fährmann will aufgrund des zunehmenden Fremdenverkehrs auf Motorenbetrieb umstellen und ordert bei Josef Becker das erste Motorboot (die für 32 Personen zugelassene Personfähre HELENE) – damals noch eine Seltenheit auf dem Rhein. Der Auftakt gelingt mit Bravour und noch im gleichen Jahr wagt man sich an das erste große Passagierboot MARKSBURG für die Schifffahrtsgesellschaft Vomfell aus Braubach.
Kaum sechs Jahre nach dem Bau der ersten Becker-Schaluppe ist der Bootsbau ein wichtiges Standbein des Betriebs, denn die Nachfrage nach den kleinen, wendigen Schiffen steigt. Kontinuierlich entwickelt Josef Becker die Schaluppe weiter. 1931 wagt er sich an die nächste Neuerung und stellt die Produktion um: Statt weiterhin wie in der Branche üblich die Eisenteile zu vernieten, entscheidet er sich für das Schweißverfahren. Ein Schritt, mit dem er seiner Zeit weit voraus ist und der ihm in der Schifffahrtsbranche einen Namen macht. Auch den klassischen Spantenbau lässt Josef Becker nun hinter sich: Ohne Querplanken werden die drei Millimeter starken Boden- und Seitenteile des Boots über Kopf in Schalenbauweise geformt, kreuzgewölbeartig und freitragend ohne zusätzliche Absteifungsmittel. So entsteht ein Boot mit äußerst wertvollen Eigenschaften für die Schiffer: 'kleinste Ausmaße bei großer Ladefähigkeit, steife Wasserlage und trotzdem weiche Bewegungen, auch bei gröbstem Wasser, leichter Gang am Riemen und Eignung für höchste Schleppgeschwindigkeit', wie es in einer Produktbroschüre heißt.
Anfang der 30er-Jahre bessert sich die wirtschaftliche Lage, die Arbeitslosenzahlen gehen zurück, nicht zuletzt durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten und die damit einhergehende Aufrüstung. Auch in Niederspay laufen die Geschäfte gut. Zwölf Mitarbeiter beschäftigt Josef Becker im Jahr 1934, womit die Werft einer von nur zwei Industriebetrieben ist, die sich im Amtsbezirk Boppard über die Inflationsjahre hinweg behaupten konnten und keinen Konkurs anmelden mussten.
Der Erfolg fußt neben dem Erindungsreichtum und der weitsichtigen Konstruktionstätigkeit des Firmengründers auf dem mittlerweile breit aufgestellten Werftprogramm, mit dem man sich vollständig auf den Bootsbau spezialisiert hat. Neben den Schaluppen konstruiert Josef Becker mit seinen Mitarbeitern eine Vielzahl unterschiedlicher Motorboote, darunter Proviantboote, Inspektionsboote, kleine Schlepper, erste Yachten und Fahrgastschiffe. Ein Problem wird jedoch drängender: der Platzmangel in der Salmgasse. Noch immer baut Josef Becker den größten Teil seiner Schiffe in der alten Scheune. Er lagert sie auf dem Vorplatz und auf angemieteten Flächen in der Nachbarschaft, lässt sie auf einem primitiven Slipwagen zu Wasser, während größere Schiffe weiterhin über die Gärten und Rheinpromenade getragen werden müssen, da die Gasse für einen Transport zu eng ist. Ein Zustand, der die weitere Expansion des Unternehmens zu behindern droht.
1934 entscheidet sich Josef Becker daher zum Bau einer Werft auf einem nahe gelegenen Grundstück direkt am Rheinkilometer 578,4. Geplant sind die Erweiterung einer Montagehalle, die sich bereits auf dem Gelände befindet, sowie der Bau eines Wohnhauses für seine damals sechsköpfige Familie. Die Bauarbeiten schreiten zügig voran und nach und nach werden das Wohnhaus, die Bootsbauhalle und eine Helling mit elektrischem Aufzug fertiggestellt. Endlich ist Platz für Schreinerei, Dreherei und Schmiede sowie für moderne Spezialmaschinen, die Josef Becker selbst entwirft und konstruiert. In den Jahren 1935 und 1936 erfolgt der Umzug. Auch der Firmenname wird geändert: Das neue Werftgelände liegt am Stromabschnitt Schottel. Damit die rheinkundigen Schiffer es zukünftig auf Anhieb verorten können, entscheidet sich Josef Becker, sein Unternehmen in SCHOTTEL-Werft umzubenennen.'